Hier geht es einmal um die Gleichberechtigung des Mannes. Er darf jetzt endlich einen Männerwechsel haben. Ein Beitrag von unserer Frauengesundheits-Expertin Manuela Kloibhofer.

Von Manuela Kloibhofer

Die Gleichberechtigung ist ja wirklich voll im Gange. Aber nicht wie ihr denkt. Nein, hier geht es mal um die Gleichberechtigung des Mannes. Er darf jetzt endlich einen Männerwechsel haben. Und ja, ich als Frau traue mich darüber zu schreiben, denn, wie mein Partner immer wieder zu mir sagt: „An allererste Stelle sind wir Menschen“ (und nicht Geschlechter).

Der Mann ist jetzt also auch gleichberechtigt: Und zwar insofern, als dass nun auch er ab einem gewissen Alter – sprich ab dem „Männerwechsel“ – als krank und behandlungsbedürftig gilt. Nun wird es auch für den modernen Mann sehr schwer, ohne hormonelle Therapie überleben zu können. Dieses Vorrecht der Pathologisierung von einem natürlichen Vorgang war ja bisher nur den Frauen vorbehalten. Dementsprechend definierte die WHO noch 1981 den Wechsel der Frau als „Hormonmangelerkrankung“. Nicht, dass wir uns von dieser naturfremden Weltsicht entfernen würden in Richtung einer positiveren, die die natürliche Alterungs- und Änderungsprozesse auch als das ansieht was sie sind – Teil der Natur eben. Das machen wir aber nicht.

Zuerst war ich ja sehr positiv gestimmt, als immer mehr Menschen erkannten, dass auch Männer einen (hormonell bedingten) Zyklus haben und dass das, was früher belächelnd als Midlifecrisis bezeichnet wurde, auch mit hormonellen Veränderungen zu tun hat. Der Männerwechsel also.

Zuerst einmal muss ich ja schon ein Hoch auf die moderne Forschung aussprechen: Juhuu, sie haben erkannt, dass auch Männer Hormone haben. Gratulation! Aber dabei können wir es natürlich nicht belassen. Statt verständnis- und liebevoll mit diesen natürlichen Prozessen der Stimmungsschwankungen, Hitzewallungen und dergleichen bei Männern umzugehen und Linderung in einer gesunden Lebensweise, Suche nach neuen Ausdrucksformen und Hilfe bei Nahrung und Heilkräuternzu suchen, stürzen wir uns sofort wieder nur auf den Mangel und aufs Geschäft. Toll, jetzt kann man doppelt Geld verdienen. Nachdem man den Frauen jahrhundertelang eingeredet hatte, dass sie von Pubertät, über Schwangerschaft bis hin zum Wechsel eigentlich eh immer nur krankhaft und behandlungsbedürftig und ohne Therapie ja gar nicht lebensfähig sind, schaffen wir das jetzt sicher ganz leicht auch bei den Männern. Die wollen eh Gleichberechtigung, weil sie sind ja moderne, aufgeschlossene, politisch korrekte Männer von heute. Und das fangen wir einfach mal beim Männerwechsel an, ist ja grad in. Kinderwunsch- und Pubertäts-Therapie folgt sicher demnächst.

Also wie gehen wir es an? Wir erklären den Mann mittlerer Reife einfach auch gleich als behandlungsbedürftig. Und weil heute ja alles bio und „natürlichen Ursprungs“ sein muss, geben wir ihm einfach bioidentisches Testosteron. Das zieht total. Weil das ist ja nicht vollsynthetisch und eh ganz super harmlos. Und ohne ist der Wechsel schon recht eine Qual. Das alles rennt natürlich unter alternativer Heilmethode, weil eben naturident oder bioidentisch. Aufs Beiwort ident kommt’s aber an. Das dass aber weder etwas mit bio noch mit natürlich zu tun hat, wissen leider nur die wenigsten. Ja, der Ausgangsstoff ist ein natürlicher, nämlich das Diosgenin der Yamswurzel. Dies wird aber vollsynthetisch im Labor verändert, bis das erste Zielhormon – Progesteron – geschaffen ist. Dann werden alle anderen erwünschten Hormone daraus gebastelt. Denn keine Pflanze spuckt einfach so menschliche Hormone aus (außer ein paar wenigen Ausnahmen wie der Granatapfel, der Östron enthält). Es gibt keine natürlichen Quellen für die menschlichen Sexualhormone. Punkt.

Nebenbei bemerkt sind auch die starken Herz-Pharmaka auf Digitalis-Basis einst aus Fingerhut erzeugt worden, so wie das Aspirin aus der Salizylsäure der Weidenrinde. Diese werden halt mittlerweile vollsynthetisch produziert. Somit sind auch die bioidentischen Hormone leider keine ungefährlichen Bio-Pflanzen-Mittel, wie uns eingeredet wird, sondern kommen zum Teil an die Nebenwirkungen der vollsynthetischen Hormone heran. Darüber hinaus sind sie auch noch relativ kurz im Einsatz, wodurch sich noch nicht sagen lässt, welche Langzeitfolgen sie mit sich bringen könnten. Und was es überhaupt bedeutet, ins sehr feine und sensible Hormonsystem einzugreifen, begreifen wir noch nicht mal annähernd.

Alles in allem liegt mir bei der ganzen Hormondiskussion immer eine Frage auf der Zunge: Warum soll ein 60jähriger Mensch (egal ob Mann oder Frau) überhaupt auf einen Hormonstatus eines 30jährigen Menschen gebracht werden? Was ist daran bitte noch natürlich? Und warum darf man in unserer Gesellschaft einfach nicht alt werden?

Wir alle wollen 100 Jahre werden, aber alt werden wollen wir nicht. Niemand darf in Würde altern, keinen interessiert mehr die Weisheit und Lebenserfahrung, die sich hinter den Falten versteckt (die Haare sind ja sowieso gefärbt). Alle müssen nun mit 50 oder 60 so drauf sein wie mit 20, 30, und natürlich auch so aussehen und im Bett genauso gut abliefern. Und mit spätestens 75 werden wir sowieso ins Altersheim abgeschoben, wenn wir nicht mehr fit genug sind, für uns selbst zu sorgen. Weil die wirklich Jungen haben dann keinen Bock oder keine Zeit mehr auf uns. Lebensweisheiten hätten wir eh keine zu erzählen, weil vor lauter Jagd auf Anti-Aging haben wir aufs Leben vergessen.

Vielleicht hat sich Mutter Natur aber etwas dabei gedacht, dass die Hormone schön langsam abnehmen und sich auf einem gemächlicheren Niveau einspielen. Vielleicht soll das Leben allgemein ein bisschen ruhiger werden und nicht zu jeder Zeit Sturm und Drang vorherrschen. Vielleicht ist es auch naturvorhergesehen, dass sich die Sexualität und das Stehvermögen verändern darf. Von einer leistungsorientierten jugendlichen Wildheit zu einer tieferen, spirituelleren, aber nicht minder potenzvollen.

Und warum heißt der Wechsel wohl „Wechsel“? Weil er einen Umbruch bedeutet. Wir, Frau und Mann, erhalten die Chance, uns in der Mitte unseres Lebens noch einmal ganz neu auszurichten.

Vorausgesetzt, wir sind mutig und geduldig genug, hindurchzugehen. Hormone erlauben das nicht. Sie heilen keine Wechselbeschwerden, sondern verzögern den Wechsel nur. Dieser bricht dann spätestens nach Ende der Einnahme auch wieder auf uns herein, dann aber mit voller Wucht.

Ja, es gibt Fälle, wo eine wohlüberlegte Hormontherapie sinnvoll ist, viel Lebensqualität bringt und deutlich weniger Probleme mit sich bringt als andere Therapien. Ich bin also keine Gegnerin davon. Was ich ablehne, ist die unüberlegte Breitband-Vergabe von Hormonpräparaten und -salben an alle, als wären sie Hautpflegecremes. Unter der Prämisse der Unschädlichkeit und „das macht doch heute jeder, der etwas auf sich hält“. Wenn wir schon die ganze Zeit von Bio und Natur reden, wieso versuchen wir dann mit allen Mitteln, die Natur in uns zu unterdrücken?

Als ich unlängst einen Frauenworkshop ausgeschrieben hatte, kam die Antwort einer Frau. Sie meinte, sie wolle weder Kinder, habe keine Mens mehr und den Wechsel habe sie auch schon erfolgreich hinter sich. Beschwerden habe sie auch keine, aber eine Frauengruppe würde sie schon interessieren. Ob ich denn auch für Frauen wie sie und ihre Freundinnen Kurse anbieten würde. Ja, was machen wir denn mit den Frauen (und Männern) jenseits des Wechsels? Die dann auch noch beschwerdefrei sind? Für Schulmedizin wie Naturheilkunde leider völlig uninteressant, weil denen müssen wir ja nichts mehr erklären oder verschreiben. Gerade hier fängt es für mich an, interessant zu werden. Diese Menschen würde ich sehr gerne in meine Kurse einladen. Damit sie ihre Erfahrung und Weisheit an die, die nachkommen, endlich wieder weitergeben. Damit wir endlich wieder voneinander lernen und nicht immer wieder in die selbe Falle des Mangels tappen…

 

Mag.a Manuela Kloibhofer