Jede Jahreszeit hat eine spezifische Qualität und wird in der TCM einem der Fünf Elemente zugeordnet. Verstehen wir diese Qualität, dann können wir diese auch in unserem Alltag wieder entdecken. Der Sommer zeigt sich vor allem in der Emotion Freude.

DIE EMOTION FREUDE

Der Sommer steht als großes Yang dem großen Yin des Winters gegenüber. Feuer und Wasser, Sommer und Winter, das sind die großen Urpolaritäten. Eine Gegenüberstellung hilft für das Verständnis. Der Winter hat einen existentiellen Beigeschmack. Der Sommer ist das Gegenteil davon. Kein schneidender Wind, kein waagrechter Eisregen, kein grausig grauer Schneematsch, der jeden längeren Aufenthalt außerhalb der eigenen vier Wände zu einem stetigen Kampf gegen Widrigkeiten und den inneren Schweinehund macht. Keine schon am frühen Nachmittag einsetzende Dämmerung, die an der Lebenslust genauso nagt wie am Energieniveau. Keine einengende, mehr auf Schutz und Funktionalität ausgerichtete Bekleidung, die einem das Gegenüber nur in groben Umrissen erahnen lässt. Kein eingezogener Kopf. Keine hochgezogenen Schultern. Nein. Die Ernsthaftigkeit und die Schwere der dunklen Jahreszeit ist im grellen Licht des Sommers dahin geschmolzen wie eine Kugel Vanilleeis zur Mittagszeit.

Am Morgen begrüßt melodisches Vogelgezwitscher den werdenden Tag. Frische Früchte zum Frühstück am Balkon. Mit den Flip Flops in die Arbeit. Mit dem Sonnenhut beschwingt in einen Feierabend, der noch mehr als genügend Zeit offen lässt, um sich dem Genuss der angenehmen Seiten des Lebens zu widmen. Ob Swimmbad, Grillfest oder Hängematte. Ob Waldspaziergang, Eiskaffee oder Open Air Konzert. Man kann sich ungetrübt dem Leben hingeben und sich vom Strom der omnipräsenten Sinnlichkeit treiben lassen. Farben, Schattierungen, Düfte. Alles steht offen, alles öffnet sich, ob Blüten, Fenster, Türen oder Poren. Vor allem aber auch: Das Herz. Entsprechend der energetischen Wirkrichtung des Feuer-Elements breitet sich dieses so richtig aus. Ein offenes Herz ist gut drauf, sprich es freut sich, womit wir bei der dem Feuer-Element zugeordneten Emotion wären: Der Freude.

Freude ist der natürliche Ausdruck des Herzens, wenn es sich zeigen darf. Freude geht eng mit der im Sommer dominierenden Qualität des vollendeten Yang einher: Wir befinden uns am Höhepunkt des Jahreskreislaufs, es ist vollbracht. Die Natur freut sich darüber. Und wir freuen uns mit. Wir breiten die Arme aus, um die Welt zu umarmen. In dieser Geste drückt sich die nach außen gerichtete Energie des Feuer-Elements aus. Die Bewegung erfolgt vom Zentrum des Brustkorbs ausgehend über die Arme bis hinein in die Fingerspitzen: Das Tor zum Herzen steht offen, bereit zum Austausch. Zirkulation ist angesagt. Das Herz kann sich ausdrücken. Das braucht es auch, weil es das Organ ist, das besonders sensibel auf Druck und Enge reagiert. Druck im Oberkörper bauen wir mit vor der Brust verschränkten Armen auf. Mit Muskelspannung. Ein Panzer. Ein Korsett. Mit diesem wollen wir uns schützen. Im Winter vor allem vor der Kälte, aber auch vor emotionaler Kälte, vor Gefühlslawinen, vor Angriffen, die das Herz bedrohen oder bedrohen könnten. Diese Haltung entspricht der zusammenziehenden Wirkkraft des Wasser-Elements: Rückzug. Bewahren. Schützen. Ausgebreitete Arme signalisieren hingegen eine Öffnung, eine Freizügigkeit, den Wunsch nach Verbindung.

Damit einher geht auch die Fähigkeit zu fühlen. Wiederum gilt: Unangenehme Kälte und eisigen Wind mag man nicht unbedingt an die eigene Haut heranlassen. Sanfte, wohlige Wärme hingegen schon. Ebenso erfrischendes Naß, wenn sich die Umgebungstemperatur plötzlich einbildet, die Reinkarnation einer Sauna zu sein. Das Herz mag fühlen. Das Feuer-Element ebenso. Und beide lieben ganz besonders andere Menschen. Feuer, das sich verbindet, beginnt stärker zu lodern. Geteilte Freude ist doppelte Freude. Durch die Offenheit der Freude treten wir in Kontakt, wir kommunizieren, wir berühren, lassen uns berühren, lassen uns bewegen, sprich, das Leben pulsiert durch uns hindurch und in Summe ergibt das die Lebendigkeit des Sommers, die Lebendigkeit der Feuer-Phasen im Leben, die ihre Blütezeit in den jungen Erwachsenenjahren hat.

Während die Grundemotionen der anderen Elemente – Angst, Wut, Sorgen und Trauer – oftmals einen heiklen Beigeschmack haben, erfreut sich die Freude eines durchwegs positiven Images. Kann es daher zu viel der Freude geben? Kann uns Freude schaden? Die TCM sagt: Ja. Denn es geht bei den Emotionen nicht um den Sympathiefaktor. Es geht um die energetische Dynamik. Es geht um Ursache und Wirkung. Jede Emotion kann uns schützen und helfen. Oder unseren Energiehaushalt derart aus dem Gleichgewicht bringen, dass die Auswirkungen auf unser Gesamtsystem negativer Natur sind.

Die Energiedynamik des Feuer-Elements ist stark nach außen gerichtet. Breitet sich Energie des Herzens zu stark und mit zu hoher Intensität aus, dann zerstreut sie sich. Damit einhergehend ist meist ein Energieverlust. Man kann sich das so vorstellen: Eine Party mit lauter inspirierenden Leuten. Es wird geredet, gelacht, getanzt, gesungen. Der Abend dauert lange, aber es macht einfach zu viel Spaß, als dass man das rauschende Fest verlassen möchte. Irgendwann dämmert dann der Morgen. Irgendwann muss man sich doch lösen und den Heimweg antreten. So hoch der Energielevel auch war, jetzt bricht er zusammen und da ist dann nicht nur die Müdigkeit, die normal ist, wenn man sich die Nacht um die Ohren geschlagen hat, sondern eine ganz spezielle Form von innerer Müdigkeit und Leere, die sich dadurch ergibt, zu intensiv im Austausch gestanden zu sein. Man ist ausgelaugt, man hat sich in dem Treiben verloren und es braucht seine Zeit, um sich wieder zu sammeln. Eine ganz natürliche Reaktion. Die Gefahr von zu viel Freude besteht darin, sich zu sehr zu zerstreuen und in Menschen oder Tätigkeiten in einer Intensität aufzugehen, dass man seine Mitte und somit auch sein Identitätsgefühl destabilisiert.

Eine derartige Dynamik muss nicht immer mit einer exzessiven Festivität einhergehen. Das kann auch im Rahmen der Familie, vor allem aber mit einer Horde von Kindern oder in einem durch Kaffee und Euphorie und leichter Manie aufgeputschten Umfeld mit äußert dynamischer Interaktion passieren, sprich in der Arbeit. Passiert dies öfters, dann verlieren wir durch Freude Energie, weil sie uns zu sehr brennen lässt und wir dabei verbrennen. Weil unser Körper-Geist-System offen ist. Steht das System offen, dann kommt alles raus und alles rein. Grenzen vermischen sich, beginnen sich aufzulösen, wie das ja oft auch der Fall ist, wenn man im Sommer mit dem Liegestuhl verschmilzt, weil sich der Körper durch die Hitze derart geöffnet hat, dass er zerrinnt und mit der Umgebung eine Einheit bildet.

Umgekehrt kann es natürlich sein, dass es zu wenig Freude im Leben gibt. Dass das Herz verschlossen bleibt. Zurückhaltende Menschen, die dann oftmals kühl, in extremem Fällen sogar kalt erscheinen. Wie ein Sommer, der einfach ausbleibt. Man spürt: Die inneren Sonne ist nicht wirklich am scheinen. Aufblühen ist ein Fremdwort. Umarmen ein Ding der Unmöglichkeit. Herzlichkeit? Fehl am Platz. Feiern, Freundschaft, Leichtigkeit? Nein danke. Jeder hat sein Feuer, das sich zeigen will. Friert das Herz ein, dann friert die Lebensenergie ein. Sie dehnt sich nicht aus und zirkuliert nicht. Dann sitzt man am Rand des Geschehens, während das Leben seine Party feiert, fühlt sich aber nicht fähig, daran teilzunehmen. Am besten ist die ruhige Freude, wie ein Sommer ohne Extreme, den man voll und ganz genießen kann. Diese Form der Freude tut auch dem Herz am besten.

 

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