Unser Herz, unser Körper und unser Geist sind miteinander verbunden. Shiatsu kann hervorragend helfen, sich wieder als Einheit wahrzunehmen.

„Die drei erzeugt alle Dinge. Alle Dinge haben im Rücken das Dunkle und streben nach dem Licht, und die strömende Kraft gibt ihnen Harmonie.“ Laotse [1]

Unser Herz, unser Körper und unser Geist sind miteinander verbunden – und zwar durch sehr enge Bande: geht es einem der dreien schlecht, beeinflusst dieser Umstand das gesamte System. Schon einmal Liebeskummer gehabt? Eben. Dieser nagende Schmerz mag vielleicht im Herzen zuhause sein, aber da bleibt er nicht – sondern zieht stattdessen weite Kreise: Die Konzentration ist beim Teufel, der ganze Körper ächzt, an Schlaf ist nicht zu denken. Umgekehrt brauchen frisch Verliebte kaum feste Nahrung und sind doch von einer Energie beseelt, die ihre Umwelt nur so staunen lässt. Soweit – so klar. Aber was hat das alles jetzt mit Shiatsu zu tun? Eine ganze Menge! Im besten Fall können wir Menschen mit Shiatsu nämlich dazu verhelfen, sich wieder als verbundenes Ganzes zu erfahren und sie dabei unterstützen, im Streben nach Wohlbefinden und Gesundheit nicht immer beim Offensichtlichsten hängenzubleiben.

Seit Beginn meiner Beschäftigung mit Shiatsu bin ich von dieser Verbindung von Herz, Körper und Geist fasziniert. Immer wieder stoße ich dabei auf neue Aspekte. So wurde ich vor kurzem auf Sao Bao, die drei Kostbarkeiten (auch Schätze genannt) im Menschen, Jing, Qi und Shen, hingewiesen. Die drei Kräfte, die sich in uns vereinen. Oder eben Herz, Körper und Geist. Wenn auch in anderer Reihenfolge.

Qi – Das Herz sehen

Ich starte vor jeder Shiatsu-Behandlung mit einer kleinen Übung, genauer gesagt mit einer kurzen Meditation. Dabei geht es darum, mein Herz bewusst zu öffnen. Das Herz verstehe ich als die Mitte unserer Existenz, unser geistiges und spirituelles Zentrum. Und unsere Verbindung zum Universum. Diese Mitte wird auch als Sammelort des Qi (RenMai 17) bezeichnet: das Herz als der Regent, oder Kaiser, unserer inneren Organe. Es weist uns Menschen in Verbindung mit dem Geist Shen und dem Körper den richtigen Weg.

Ich mache also meine inneren Türen weit auf, um die Klientin, die ich in den nächsten 10 Minuten erwarte, in all ihren Facetten und Besonderheiten erkennen zu können. Nicht umsonst erklärt der Fuchs dem kleinen Prinzen bei Saint-Exupéry „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“[2] Um Missverständnisse erst gar nicht aufkommen zu lassen: Ich bin dankbar für meine Augen und dafür, dass ich mit ihnen beobachten kann, wie schwerfällig oder leichtfüßig ein Klient die Strecke vom Eingang bis zur Matte zurücklegt. Oder dass ich die blauen Äderchen auf der Unterseite der Zunge erkennen kann. Aber nichtsdestotrotz gilt: Erst, wenn ich einem Menschen mit offenem Herzen begegne, fügen sich die verschiedenen Puzzlesteine zu einem Gesamtbild zusammen – also das, was ich sehe und fühle, mit dem, was der Klient sagt und was er nicht sagt.

So unterschiedlich wir Menschen auch sein mögen, in unserer tiefen Sehnsucht, gesehen zu werden, sind wir einander gleich. Oder wie Laotse sagt: „Alle Dinge streben nach dem Licht.“ Jede und jeder will gesehen werden. Aber nicht auf jene oberflächliche, zweidimensionale Art, wie dies etwa ein Spiegel tut. Die pure Reflexion von dem, was gerade ist, reicht nicht aus. Denn da ist bedeutend mehr: Unsere Geschichte etwa, der ganze lange Weg, den wir bis zum heutigen Tag gegangen sind und der uns geprägt hat – sichtbar in Form von Fältchen oder Furchen, unsichtbar im Sinne von mehr oder weniger verheilten Narben auf unserer Seele. Oder all die vielen, mal mehr, mal weniger bewussten Wünsche und Hoffnungen, die wir mit unserer Zukunft verknüpfen. Unsere Potenziale. All das und noch viel mehr will gesehen, will wahrgenommen werden. Und damit das gelingen kann, braucht es ein offenes Herz, das sich ehrlich interessiert für den Menschen, der hier gerade mit chronischen Nackenschmerzen zu uns kommt. Meist reicht bereits eine kleine Frage, um den ursprünglichen Anlass für den Besuch in einem anderen Licht erscheinen zu lassen: „Wo möchten Sie beginnen?“ oder „Und ist da noch etwas?“ Die Antwort erschließt uns in vielen Fällen völlig neue Zugänge für die Behandlung. 

Aus Erfahrung weiß ich: Gelingt es mir, mit offenem Herzen präsent zu sein, kann auch die Klientin, der Klient sich öffnen. Dann ist die Arbeit mit meinen Händen wie das Pflücken reifer Früchte: es benötigt keine Anstrengung und alles fällt dorthin, wo es hingehört. Im Daoismus nennt man das Wu-Wei:  im Einklang mit den Dingen. 

Jing – Der Körper als Ausdruck

Laut der TCM hat das Jing, unsere Essenz und erste Kostbarkeit zuerst noch keine Form. Erst das Qi, wir umschreiben es mit Energie, erzeugt dann den Körper. Das Jing ist laut Kaptchuck „die Substanz, die einen Organismus mit der Möglichkeit der Entwicklung erfüllt.“[3] Unser Potential also. Der Körper ist für mich die direkte Manifestation des Wunsches nach dem Gesehen werden. Er ist der äußere Spiegel, in dem sich unser Herz und unser Geist abbilden. Er ist die Verbindung unserer Materie mit ihnen. Alles geht über ihn. Er ist das Feld, auf dem und mit dem wir Menschen arbeiten. Beim Geben von Shiatsu mache ich mir bewusst, dass ich mit dieser Essenz arbeite. Im Kontakt mit dem Körper, rufe ich mir in Erinnerung, dass er mehr weiß, als dem Klientin/dem Klienten bewusst ist. Er ist einerseits verborgenes Potential, aber auch das gespeicherte Bewusstsein. Er sagt die Wahrheit und er vergisst nicht. [4] Schenken wir ihm nicht genügend Aufmerksamkeit, meldet er sich schnell. Es ist also hilfreich zu fragen: Was will gesehen werden? Wir haben so viele großartige Werkzeuge, die uns Shiatsu-PraktikerInnen dabei helfen. Vielleicht das Wichtigste: unserer Intuition. Wenn wir uns immer wieder darin üben, ihr zuzuhören, erhalten wir nützliche Hinweise und wir lernen ihr zu vertrauen. Das Wissen um Yin und Yang, um die 5 Elemente der TCM, um die richtige Ernährung und so weiter, helfen uns, Tendenzen zu erkennen: welcher Aspekt will gesehen werden und welcher kommt zu kurz? Das Wissen um Qi, der Fluss der Meridiane, geben uns Möglichkeiten, nachzuspüren, wo das ungesehene sich verbirgt. Der Körper liefert die Hinweise. Wir müssen also nur zuhören, oder, wie Tamsin Hartley sagt: Den Raum fürs Zuhören schaffen. [5] Das braucht Zeit und Geduld.
Bereits durch die einfache Berührung erfährt der Körper: du wirst wahrgenommen. Gelingt es darüber hinaus, das was gesehen werden möchte, zu adressieren, erfährt er: Ich bin!

Shen – Dem Geist eine Pause gönnen

Der Geist lässt uns all das, was wir sind und erleben, verarbeiten. Er arbeitet ununterbrochen. Er ist im Herzen zu Hause, führt aber ein sehr eigenständiges Leben. Georg Steiner meint: „Das Denken ist der Tanz des Geistes, der Geist tanzt, wenn er nach dem Sinn sucht, und nach dem Sinn des Sinnes.“ [6]

Da der Geist dazu tendiert, sehr aktiv zu sein, ist es wichtig, ihn zu beruhigen und ihm eine Verschnaufpause zu schenken. Es hilft uns, wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass wir mehr sind als unser Geist. Denn oft hat das, was unser Geist uns abliefert, gar nichts mit uns zu tun. Er hat die Tendenz, Vorstellungen, Gedanken und Erinnerungen, die uns von außen zugetragen werden, zu übernehmen, ohne kritisches Hinterfragen, ob uns das alles von Nutzen ist.

Beim Meditieren versuchen wir, ihm Ruhe zu verschaffen. Meister der Meditation nennen das auch: „Im Geist ruhen“. Herz und Körper sind von der Betriebsamkeit des Geistes betroffen und benötigen dessen Verlangsamung, um ihrerseits wieder Kraft zu schöpfen. Gerne empfehle ich meinen Klienten die Technik des Body-Scans, auch als „Reise durch den Körper bekannt“. Dabei bewegen wir unsere Aufmerksamkeit durch 61 Punkte unseres Körpers und erreichen so seine Entspannung. Und wir gönnen unserem Geist eine Pause.

Beim Shiatsu erfährt unsere Klientin/unser Klient direkt ihren/seinen Körper und das gibt dem Geist die Möglichkeit, sich darauf zu konzentrieren. Dadurch erfährt nicht nur er Ruhe, auch das Herz und der Körper ändern ihren Rhythmus. Unser Dasein erfährt ein Innehalten, kann Kraft schöpfen. Herz, Körper und Geist können sich so als Einheit wahrnehmen, wir erfahren:  „Ich werde gesehen.“

Die Verbindung von Herz, Körper und Geist fördern

In der Zeit des Covid-Lockdowns habe ich an mir selber erfahren, dass auch das tägliche Üben in QiGong hilft, die Einheit von Herz, Körper und Geist zu fördern. Oder wie Jiao Guorui[7]  sagt: „Konzentrieren des Geistes trainiert das Qi; trainieren des Qi bringt Essenz (Jing) hervor; Essenz wandelt sich durch Training in Qi; Qi wandelt sich durch Training zu Geist (Shen)“.

[1] Latotse: Tao Te King, München

[2] Antoine de Saint-Exupéry: Der kleine Prinz, Düsseldorf

2 Ted. J Kaptchuk: Das große Buch der chinesischen Medizin, Bern

[4] Bessel van der Kolk: Der Körper vergisst nicht, Paderborn

[5] Tamsin Hartley: The Listening Space, www.thelisteningspace.com

[6] Georg Steiner: Aschensage, Merkur, 1987, Heft 465, pp 931-940

[7] Jiao Guorui: Qigong Yangsheng, Uelzen

 

Philipp Walz