Jede Jahreszeit hat eine spezifische Qualität und wird in der TCM einem der Fünf Elemente zugeordnet. Verstehen wir diese Qualität, dann können wir diese auch in unserem Alltag wieder entdecken. Im Beruf, in der Partnerschaft, in unseren Entwicklungsphasen.

DER SOMMER IM LEBEN

Im Sommer erreicht die Sonne ihren Höchststand. So auch zu Mittag. Die Mittagszeit kann daher als der Sommer des Tages gesehen werden. Mehr Licht geht nicht. Mehr Yang geht nicht. Das heißt aber auch: Plafond erreicht. Die Mittagszeit markiert ebenfalls einen Übergang: Hat sich das Yang von der Früh an auf seinem Weg nach oben gemacht und seine maximale Ausdehnung erreicht, beginnt es sich am Nachmittag wieder zurückzuziehen. Zuerst will es seinen Höhepunkt genießen: Ist nicht jede Mittagspause wie eine kleine Sonnwendfeier, zu der man sich mit anderen Menschen trifft, um die am Vormittag durch konzentriertes oder belastendes oder unzureichend herausforderndes Arbeiten verdichtete, vielleicht auch aufgestaute Energie wieder freier zirkulieren zu lassen? Durch Speis und Trank, durch Gespräch und Gelächter? Ist nicht jeder nach dem Mahl konsumierte Kaffee wie ein kleines Sonnwendfeuer, dazu gedacht, das innere Yang noch einmal ordentlich anzukurbeln, damit es auch am Nachmittag für genügend Antrieb und Fokus sorgt? Ist das also in Summe nicht genau die Zeit, in der die dem Feuer-Element zugeordneten Qualitäten wie Öffnung, Austausch und Zirkulation so richtig lebendig werden? 

 Ob Sommer oder Mittag: Licht und Wärme unterstützen die Bewegung des Lebens nach außen. Außer natürlich: Das Yang ist zu extrem. Dann müssen wir uns vor ihm schützen. Dann ziehen wir uns lieber zurück. In den Schatten. In das Kühl wohl temperierter Räume. Wir erinnern uns: Zuviel Yang macht Yin. Wohlige Wärme, moderate Hitze, das sind genau die Temperaturen, unter denen sich das Leben frei und fröhlich ausbreiten kann. Dann füllen sich zu mittags die Cafés und die Gastgärten. Das Leben pulsiert auf der Straße wie ein gut gelauntes Herz in einem großräumigen Brustkorb. Und von oben sieht die Sonne freudvoll zu. Zur Mittagszeit steht sie in der dem Feuer-Element zugeordneten Himmelsrichtung: Im Süden.

In mehr oder weniger allen Kulturen, die mit den Himmelsrichtungen archetypische Qualitäten verbinden, steht der Süden für das Feuer, für das Brennen, für das Licht der Erkenntnis, aber auch für die Vollendung, für das Vollbrachte. Um diese Aspekte mit dem Süden in Verbindung zu bringen, muss man nicht groß esoterisch angehaucht sein. Es reicht, die Natur zu beobachten. Süden ist Sommer ist Sonne. Im Sommer brennt das Feuer vom Himmel und die meisten Prozesse in der Natur haben ihren Höhepunkt erreicht. Was im Frühjahr noch ein kleines, für Laien undefinierbares Etwas aus zartgrünen Blättern war, hat nun eine klare Identität und eine charakteristische Form gefunden, die deutlich zum Ausdruck gebracht wird. Die Wachstumsphase des Holz-Elements ist vollbracht. Jetzt gilt es sich zu zeigen. Mit Intensität. Die Blüte. Die Vollendung.

Intensität und Blüte sind auch die charakteristischen Kennzeichen der mit dem Feuer-Element in Verbindung stehenden Lebensphase: Das frühe Erwachsenenalter, von der Pubertät bis circa 30 Jahre. Es sind die feurigsten Jahre des Lebens, die Jahren, in denen man selber zum Sommer wird. Ein Übermaß an Energie macht sich im Inneren in Form von Hitze breit und drängt nach außen. Der Wechsel vom Holz-Element in das Feuer-Element zeigt sich durch die Entfaltung der Sexualität, durch das Entdecken der Liebe, durch das Freisetzen der eigenen Identität, die sich mit aller Kraft im Leben manifestieren will, die das Leben ebenfalls zu einem Sommer für sich machen möchte, einen Sommer mit Leichtigkeit, mit Festen, mit Feiern, mit Begegnungen, mit Austausch auf allen Ebenen, vor allem aber auch mit einer Leidenschaft, die einzig den Himmel als Limit akzeptiert und die sich schwer in anderen Lebensphasen reproduzieren lässt, außer natürlich, man findet erst später in seine individuelle Feuer-Phase. Das kann durchaus passieren.

Die Zeiten haben sich geändert. Oft haben wir die körperliche Reife bereits vollendet, stehen physisch am Zenit unserer Kräfte, hinken aber mental wie emotional unserer Entwicklung hinterher. Wir haben die Pubertät nicht wirklich abgeschlossen. Wir sind noch nicht ausgereift, sprich Abkoppelung von den Eltern, sprich Manifestation der inneren Vorstellungskraft, sprich unabhängiger und selbstverantwortlicher Lebensentwurf. Ist es vermessen zu behaupten, dass sich dieser ganze Prozess um gut zehn Jahre nach hinten verschoben hat? Daran ist nichts auszusetzen. Wichtig ist nur, dass man die jeweiligen Entwicklungsphasen voll und ganz durchlebt. Wann auch immer. Wie auch immer. Sonst wird man zu einem Kreislauf der Elemente, dem eine Jahreszeit mehr oder weniger komplett fehlt. Das hat dann schon seine Auswirkungen. Ein Rad, dem eine Speiche fehlt, läuft einfach nicht rund.

Aber eben: Man kann auch später Feuer fangen. Das Kennzeichen von Feuer-Phasen im Leben ist Begeisterung und Intensität. Man bringt sich durch Hingabe zum Blühen. Man vollbringt etwas, das Freude und Erfüllung bereit. Etwas, dass das Herz erfüllt. Nicht ohne Grund zählt die Liebe zum Feuer-Element. Aber Obacht: Wir sprechen nicht von der Verliebtheit, von den Schmetterlingen im Bauch. Verliebtheit ist der Anfang einer Beziehung, der Frühling. Da hat das Holz-Element seine Finger im Spiel. Das ist die Zeit des Sturmes, des Dranges. Der klimatische Faktor des Holz-Elements ist nun mal der Wind. Die Phase der Verliebtheit ist eine turbulente, stürmische Zeit, die einen nicht zu Ruhe kommen lassen. Da geht es um Action und Erlebnisse. Da hebt man der nach oben gerichteten Wirkrichtung des Holz-Elements entsprechend richtiggehend ab. Man schwebt. Über den Boden, auf Wolke Nummer Sieben. Der Schritt von der Verliebtheit hin zur Liebe markiert den Wechsel in das Feuer-Element. Verliebtheit macht heiß. Liebe wärmt. Verliebtheit macht verwirrt. Liebe macht klar. Verliebtheit lässt das Herz zerspringen. Liebe lässt die Herzen reifen und blühen. Die Schmetterlinge sind zu einem stabilen Glutstock geworden, der auch in schlechten Zeiten wärmt. Die Vollendung des Yang. Die Vollendung der Zuneigung.

Generell: Das Holz-Element und das Feuer-Element haben eine ähnliche Charakteristik. Beide sind Ausdruck der ab der Wintersonnenwende aufsteigenden Yang-Qualität. Das Holz-Element ist das kleine, das Feuer-Element das große Yang. Beide Elemente zeichnen sich durch Bewegung und Dynamik aus. Das Holz-Element birgt mehr Unruhe und Spannung in sich. Es ist noch auf der Suche. Es ist im Wachstum. Es muss sich erst finden. Das Feuer-Element hat sich gefunden. Das verleiht ihm eine Leichtigkeit, gepaart mit Klarheit und Erkenntnis. Man weiß, wer man ist. Das will zum Ausdruck gebracht werden, mit einem Strahlen. Man strahlt, wie die Sonne. In der Liebe. Im Beruf. Im Beruf ist die Feuer-Phase die Zeit des Erfolges. Wünsche und Hoffnungen haben sich manifestiert. Der Traum ist Realität geworden. Es ist vollbracht, es ist vollendet. Man befindet sich dort, wo man sein möchte. Man ist am Höhepunkt angelangt. Das gelingt dem einen früher, dem anderen später. Manchen gelingt es nie. Und dann gibt es die, die es immer wieder schaffen, die trotz des Wandels des Älterwerdens ihr inneres Feuer bewahren können. Man merkt das: An dem Leuchten in den Augen.

Bleibt man auf beruflicher Ebene oder bei sonstigen Tätigkeiten in der Energie des Holz-Elements hängen, dann verharrt man im Tun, dann will man immer nur tun, tun, tun, arbeiten, arbeiten, arbeiten. Irgendwann macht das jedoch müde und mürbe. Das ist wie ein Wachstum, das nie zur Blüte gelangt. Wie ein Marathon ohne Ziellinie. Das Feuer-Element braucht seine Triumphe. Das Feuer-Element kann sich über diese freuen, wobei es wichtig ist, den inneren Wertmaßstäbe zu folgen und sich nicht von außen definieren zu lassen. Es geht darum, das zu manifestieren, was im eigenen Herzen schlummert. Es geht darum, seinen eigenen Vorstellungen gerecht zu werden. Das muss nicht immer ein großartiger Sprung auf der Karriereleiter oder ein sichtbarer Gewinn sein. Das Feuer in uns erkennt, das etwas zur Reife gelangt ist und feiert es entsprechend. Dabei geht es vor allem auch um Wandlungsprozesse.

Jede Lebensphase, die mit einer deutlichen Transformation der Persönlichkeit einhergeht, kann als Feuer-Phase gesehen werden. Denn das ist die eigentliche Kraft des Feuers: Etwas dauerhaft zu verändern. Nicht an der Oberfläche. Sondern tief im Inneren, quasi strukturell. Auch hier ist ein klarer Unterschied zum Holz-Element gegeben. Holz lässt sich verbiegen und verformen. Holz wächst. Das Holz-Element steht ebenfalls für Veränderung. Für eine Veränderung, die passiert. Es ist jedoch das Feuer, das für wirkliche Transformation sorgt. Feuer verbrennt, was war, damit etwas Neues entstehen kann. Deutlich ist diese Wandlung in der Pubertät. Die Zeit der Kindheit ist vorbei. Man verpuppt sich, wie eine Raupe, Umbauprozesse finden statt, und plötzlich schlüpft ein Schmetterling, ein neues Lebewesen. So drastische Wandel gibt es wenige im Leben. Aber es gibt sie und immer hat das Feuer-Element als entscheidender Katalysator seine Finger mit im Spiel. Bei allen markanten Übergängen formt sich letztendlich eine neue innere Identität. Damit dies wirklich passieren kann, braucht es Transformation. Es braucht Feuer.

Das Feuer-Element im Leben

  • Mittag
  • Süden
  • Frühe Adoleszenz
  • Vollendung, Höhepunkt

 

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