In der TCM gibt es eine komplexe Psychologie, die in einer simplen Bildsprache auf den Punkt gebracht wird. Diese Serie widmet sich den sogenannten Elementargeistern. Dieses Mal: Der Shen.

Keines der anderen Elemente ist so flüchtig wie das Feuer. Holz kann man fassen, Erde kann man fassen, Metall kann man fassen, gut, zugegeben, das Wasser rinnt einen oft durch die Finger, aber zumindest kann man es abfüllen und einpacken. Oder man kann es einfrieren und in einen Drink geben. Man kann hineinspringen und darin abtauchen. Das alles geht mit Feuer nicht. Alleine der Versuch es zu berühren führt zu verbrannten Fingern. Vom Feuer spürt man nur die Auswirkung. Und sehen kann man es auch noch. Aber spielen sollte man damit nicht. Zudem kommt: Feuer kann nicht alleine aus sich heraus existieren. Feuer braucht einen Brennstoff. Feuer braucht eine Substanz, eine Basis, mit der es in enger Verbindung steht. Mit dem Elementargeist des Feuer-Elements, dem Shen, verhält es sich ebenso. Er ist flüchtiger Natur. Er braucht eine Trägersubstanz. Man kann seine Auswirkungen sehen. Nur fassen kann man ihn nicht.

Der Shen ist unser Bewusstsein.

 In der TCM gibt es mehrere Formen von Bewusstsein. Deswegen wird in Bezug auf die Elementargeister auch von den fünf Shen gesprochen. Beim Elementargeist des Metall-Elements handelt es sich mehr um das Körperbewusstsein. Das Wasser-Element steuert den Willen und das willentliche Handeln. Das Holz-Element ist wiederum gut für große Träume und Visionen, die es aus der Schatzkammer des Unterbewusstseins nährt. Und das Erd-Element hat das Denken und das Grübeln im Griff. Man kann sagen: Das alles sind Teilaspekte des gesamten Bewusstseins und so wird es auch gesehen, sprich der Shen ist die Instanz, bei der alle Fäden zusammen laufen, der Shen wird von den anderen vier Elementargeistern ständig versorgt und informiert.

Er steht mit ihnen in interaktiver Verbindung, denn umgekehrt erteilt der Shen die Befehle, er lenkt und steuert, er ist der oberste Boss, der Generalmanager. Er ist in Summe für das verantwortlich, was wir als unser bewusstes Mensch-Sein bezeichnen. Ohne Shen wüssten wir nicht, wer wir sind. Wir könnten uns nicht als Individuen wahrnehmen und erkennen. Wir könnten nicht denken, nicht fühlen, nicht sprechen, nicht lieben.

Sprich: Ohne Shen geht nichts. Nicht ohne Grund hat sich der Shen das Herz, den Kaiser der Organe, als Hauptwohnort ausgesucht.

Aber sein Einzugsgebiet ist wesentlich größer, es umfasst den gesamten Körper und geht auch darüber hinaus. Der Körper ist jedoch seine wichtigste Trägersubstanz. Mit dieser ist er eng verwoben, diese beseelt er. Ein Körper ohne den Geist Shen ist nicht wirklich begeistert. Das muss jedoch nicht heißen, dass der Körper leblos ist. Es gibt viele Ansätze und Philosophien, die davon ausgehen, dass unser Bewusstsein durchaus fähig ist, sich von der materiellen Form zu entkoppeln und eigenständig durch die Gegend zu geistern. Gemeinhin gibt es den Terminus „out of body experience“ dafür. Ab und an erfährt man dies sogar im Alltag, allerdings in einer wesentlich geringeren Dosis. Aber es gibt diese Momente, wo man derart „neben sich“ steht, dass das fast schon einem Blackout gleichkommt. Man geht in die Küche, um… Genau. Um eigentlich was zu tun? Aber ob luzides Träumen, eine Überdosis LSD oder stressbedingtes Bewusstseinsloch, wichtig ist, dass der Shen nach seinen wie auch immer gearteten Ausflügen wieder zurück kommt, denn ein Haus, das nicht bewohnt wird, wirkt doch etwas verlassen. Ohne Shen kein Leben in der Bude. Quasi Zombiezustand. Zudem ist es nicht die Kernqualität des Feuer-Elements, sich einfach so aus dem Staub und unsichtbar zu machen. Im Gegenteil.

Der energetischen Wirkrichtung des Sommers und der Wärme entsprechend, ist es der Auftrag des Shen, unsere physische Existenz zu durchdringen, sich darin auszubreiten und sich in aller Pracht zu zeigen.

Der Shen ist natürlich in allen Lebensphasen aktiv, von der Geburt bis zum Tod. Seine Blütezeit erlebt er jedoch in der Feuer-Phase unserer Entwicklung. Bis zur Pubertät war das Holz-Element dominant. Im Frühling des Lebens stand Wachstum an erster Stelle. Aber so wie im Sommer die Pflanzen ihren Höhepunkt und damit einhergehend eine deutlich erkennbare Form erreicht haben, so geht es beim Feuer-Element um das Freisetzen und Ausdrücken der eigenen Identität. Die Pubertät als markanter Übergang zwischen Holz- und Feuer-Element ist wie eine Verpuppung der Seele, eine Metamorphose in der die Raupe zu ihrer eigenen Bestimmung, zum Schmetterling reift. Nachher heißt es: Flügel ausbreiten, sich daran erfreuen und los fliegen! Wobei die Sache mit dem Holz-Element noch nicht ganz erledigt ist. Denn wie bereits erwähnt, Feuer braucht einen Brennstoff. Holz ernährt das Feuer, sagt man diesbezüglich in der TCM. Das Holzelement ist das Zuhause des Elementargeistes Hun. Und das Holz-Element wird wiederum von Wasser-Element gefüttert. Das bedeutet:

Das Wasser-Element steht für den Samen, der im Winter unter der Erde auf seinen Durchbruch wartet. Das Holz-Element lässt ihn wachsen. Das Feuer-Element bringt ihn zur Blüte.

Der Hun, auch das Speicherbewusstsein genannt, formt aus dem im Samenkorn gespeicherten Potential einen Plan und arbeitet an dessen Umsetzung. Der Shen sorgt für die Vollendung. Die Pubertät sorgt für den Sprung in die eigene Identität. Die Zeit des Feuer-Elements poliert diese und lässt sie funkeln. Dazu braucht es primär einmal Reibung. Also Kontakt. Weil wer sich nicht einer strengen spirituellen Tradition unterworfen hat, der lernt sich am leichtesten durch Interaktion mit der Umwelt kennen. Durch ein Ausprobieren und durch das dadurch hervorgerufene Feedback. Ein kontinuierlicher Werdungsprozess.

Das Feuer-Element als Inbegriff des maximalen Yang dehnt sich gerne aus.

Wie sich eben auch Wärme ausdehnt. Wie sich im Sommer alles ohne Hüllen zeigt und das Innerste nach außen stülpt. Und ist das frühe Erwachsenenalter nicht genau die Zeit, in der man sich mit offenen Armen durch eine Fülle an Sozialkontakten wühlt? In der man mit sich und den verschiedensten Lebensentwürfen experimentiert? In der man Liebesbeziehungen und Beziehungsmodelle in stetigem Wechsel erprobt? Und das alles mit einer Intensität und einer Lebensfreude, als gäbe es kein Morgen. Das Feuer ist nun einmal eine genauso leb- wie flatterhafte Energie, zur Ruhe kommt es erst dann, wenn es niedergebrannt ist und einen mächtigen Glutstock erzeugt hat, der langanhaltende und gleichmäßige Wärme erzeugt. Zur Ruhe kommt es in der Phase des Erd-Elements, das ist circa um die 30 Jahre herum, die Zeit, in der man die wichtigsten Eckpfeiler seines Daseins manifestiert haben sollte, sprich Wahl des Berufs, der Beziehungsform, der häuslichen Basis. Änderungen natürlich vorbehalten.

Aber vorher sollte und muss man erst einmal so richtig brennen. Man muss Erwachsen werden. Man muss erwachen.

Denn die eigentliche Aufgabe des Shen besteht darin: Um sich selber sehen und somit erkennen zu können, braucht man eine reflektierende Oberfläche. Die Oberfläche, in der sich der Shen erkennt, ist der Austausch. Durch diesen Austausch wird er sich seiner Selbst bewusst. Das wiederum führt zum bewussten Sein, also genau dem Zustand, der für das Bewusstsein eigentlich maßgeschneidert ist. An dieser Stelle könnte man einwerfen, klar, das ist doch logisch, führt denn nicht jeder Mensch ein mehr oder weniger bewusstes Sein? Ohne hier jemanden nahe treten zu wollen: Die Antwort ist nein. Das kann man nämlich sehen.

Der Shen ist die Instanz, die unsere Augen funkeln lässt. Die uns tiefe Lebensfreude verleiht.

Die für Charisma und Ausstrahlung sorgt. Die uns strahlen lässt. Die uns zu Sommerwesen macht: Hell, klar, intensiv. Das ist bewusstes Sein, das ist bewusstes Entscheiden, bewusstes Fühlen, bewusstes Lieben, bewusstes Leben. Ganz der Natur des Feuer-Elements entsprechend ist der Shen der Elementargeist, der sich am deutlichsten in unserem Wesen ausdrückt. Und in der Tat: Der Shen ist der Boss, denn ein gutes Körpergefühl zu haben ist praktisch und schön, viel Willenskraft kann einen natürlich weit bringen, wie auch große Träume und Visionen, und natürlich gelangt man durch Denken ebenfalls zu Einsichten diversester Natur, aber was ist das alles wirklich wert, wenn es nicht begeistert? Wenn es keinen Spaß, keine Freue macht? Wenn man nicht mit seinem Wesenskern in Verbindung steht? Wenn man nicht der Boss im eigenen System ist?

In unserem Entwicklungsprozess steht das Feuer-Element nach dem Holz-Element an zweiter Stelle. Weil klar, zuerst kommt das Wachstum. Dann kommt jedoch schon der Shen. Kultiviert man diesen Elementargeist nicht wirklich, dann fehlt die Basis für alle weiteren Stufen. Wie soll ein Baum Früchte hervorbringen, wenn er nie geblüht hat? Wie soll man satt und zufrieden werden, wenn es keine Früchte zum Essen gibt? Der Shen fragt: „Machst du dein Ding? Oder machst du es nicht?“ Ohne Shen kann man überleben. Ohne Shen kann man sich durch den Alltag wursteln. Was aber fehlt: Die Begeisterung. Die Leichtigkeit. Die Sommmerqualität. Dann verlieren die Augen, unser Tor zur Seele, ihr Leuchten. Dann gleich das Charisma eines müde gewordenen Backstein. Gestorben mit 30. Begraben mit 80. Das klingt hart. Energetisch ist das aber oft der Fall.

Weitere Beiträge aus dieser Serie

– DER ELEMENTARGEIST HUN: HOLZ-ELEMENT

– DER ELEMENTARGEIST YI: ERD-ELEMENT

– DER ELEMENTARGEIST PO: METALL-ELEMENT

– DER ELEMENTARGEIST ZHI: WASSER-ELEMENT

 

 

Literaturempfehlung:  www.bacopa.at oder www.amazon.de