Ein Plädoyer für mehr „wesentliche“ Bewegung im Alltag!

Von Klaus Giritzhofer

Der menschliche Körper – und seine Struktur – ist grundsätzlich für Bewegung gemacht. Und nicht, um auf dem Sofa vor dem Fernseher zu sitzen. Evolutionär betrachtet sind wir sogenannte Hetzjäger, das heißt, wir sind auf Ausdauer ausgelegt. Sich regelmäßig zu bewegen bedeutet, dass unsere Muskulatur, Gelenke, Faszien, unser Nerven- und Kreislaufsystem Stimulation erfahren und dadurch gesund erhalten werden. Die Erfahrung auf der Shiatsu-Matte zeigt, dass ein Mangel an Bewegung meist mit einer massiven Stagnation einhergeht. Und zwar auf allen Ebenen. Die Gelenke versteifen, die Muskulatur wird schwach und verkürzt sich, die Sehnen werden spröde und die Faszien verkleben. Aber nicht nur das! Die psychoemotionale Ebene meldet sich mit depressiven Verstimmungen, Schlafstörungen, Angstneurosen und einem Mangel an Lebensfreude. Wenn dem Bewegungsmuffel auch noch die Ernährung entgleist, kommt es zu handfesten Symptomen: Reizdarm-Syndrom, chron. Verdauungsprobleme, Menstruationsprobleme, Bandscheibenvorfälle und Übergewicht mit Diabetes sind heute keine Seltenheit mehr, sondern eher die Regel. Wir befinden uns in einer Gesellschaft der ständig und überall alles zur Verfügung steht und das so bequem wie möglich. So gilt es in erster Linie für den Einzelnen ein Verständnis für den Zusammenhang zwischen seinem Lebensstil und seiner Gesundheit zu entwickeln. Die Shiatsu-Behandlung ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu mehr Gesundheit. Dennoch braucht es oft eine nachhaltige Veränderung der Lebensgewohnheiten.

Was bewegt dann Shiatsu?

Der Mensch auf der Matte bekommt durch die BeHANDlung wieder ein Gespür für seinen Körper, er lernt sich wieder wahrzunehmen. Oft ist es dieser Aspekt, der Lust auf Veränderung macht. Darüber hinaus kann der Shiatsu-Praktiker dem Klienten den holistischen Ansatz von Gesundheit überhaupt erst klar machen. Die drei wichtigsten Säulen sind nun mal Bewegung, Ernährung und nicht zuletzt ein sinnvoll wahrgenommenes Leben. Welche Art der Bewegung ist nun die Richtige für den Einzelnen? Wenn ich aus Pflichtgefühl drei Mal die Woche mit hängendem Mundwinkel und gerunzelter Stirn durch den Prater renne, ist es für den Körper eventuell besser als auf dem Sofa sitzen zu bleiben. Aber es geht auch anders! Am meisten profitiert der Mensch von bewusster und freudvoll ausgeführter Tätigkeit. Das kann für den einen Yoga bedeuten, für den anderen ein ausgiebiges Tennismatch und für den nächsten eine durchgetanzte Nacht. Allerdings bedarf es einer gewissen Regelmäßigkeit, um langfristig Erfolge zu erzielen und dazu gehört eben auch Mal, seinen inneren „Schweinehund“ zu überwinden.

Ich als Yogalehrer spreche in diesem Fall von Tapas. Tapas bedeutet sich in positivem Sinne zu disziplinieren (Bereitschaft zu lernen), beziehungsweise an etwas dranzubleiben. Schon die alten Yogis wussten, dass Bequemlichkeit alleine keine Entwicklung ermöglicht. Also ab und zu oder öfter die Komfortzone verlassen ist die Voraussetzung für echte Transformation. Insbesondere für Körperarbeiter also auch für uns als Shiatsu-Praktiker ist regelmäßige Bewegung und die damit einhergehende aufrechte Körperhaltung und Flexibilität ein absolutes Muss. Nur dann wird es uns möglich sein, diesen nötigen Anstoß unseren KlientInnen authentisch zu vermitteln. In meiner eigenen Praxis sehe ich die meisten Fortschritte bei KlientInnen, die wirklich die Leidenschaft an der richtigen Bewegung für sich entdecken. Die Wirkung der Shiatsu-Behandlung steigert sich potentiell mit dem geänderten Lebensstil.

Gesellschaftlich gesehen bedarf es großer Veränderungen um ein bezahlbares Gesundheitssystem in Zukunft gewährleisten zu können. Es beginnt in den Kindergärten und Schulen. Wir wissen längst, dass zu viel sitzen im Kindesalter langfristig zu Schäden führt und mir tut es in der Seele weh, wenn mein Stiefsohn im Alter von zehn über Rückenschmerzen nach einem anstrengenden Tag in der Schule klagt. Hier müssten tiefgreifende Reformen die zukünftigen Generationen an ein gesünderes Leben heranführen – mehr Körper, weniger Kopf! Machen wir uns bewusst, dass wir beides brauchen, ganz im chinesischen Sinne: Nicht entweder oder sondern sowohl als auch…

Klaus Giritzhofer