Wir leben schon eine Zeit lang zusammen, wir drei! Eine wichtige, aber nicht immer lustige WG, möchte ich einmal behaupten.

Von Gabi Pfeifer

Wo wir uns kennengelernt haben? Schon vor langer Zeit, bei meiner Geburt ist E. coli eingezogen. Er hat mich und meinen Darm mit anderen, in meiner Familie üblichen Bakterien besiedelt. Ein hübscher, unauffälliger Kerl eigentlich – ein sogenanntes gramnegatives, säurebildendes Bakterium, das normalerweise nur im Darm vorkommt und Teil der Darmflora ist. Wie die meisten seiner Angehörigen ist er nicht krankheitsauslösend. Üblicherweise bleibt er auch dort und kümmert sich um die Vitamin K Produktion in meinem Körper. Vitamin K wiederum ist für meine Blutgerinnung notwendig, diese verhindert Blutgerinnsel und beeinflusst die Knochenbildung und meinen Knochenstoffwechsel. Die Gallensäure und Enzyme der Bauchspeicheldrüse helfen Vitamin K bei diesen Aufgaben. Vitamin K kann ich auch noch über grünes Gemüse, vor allem Blattgemüse, aufnehmen.

Meine Blasenentzündung kam später dazu – wann genau ist nicht so klar. Man hat mir erzählt, dass ich mit 2 Jahren wohl den ersten Kontakt mit ihr haben musste. Weil ich mich aber damals noch nicht so gut ausdrücken konnte ist sie weiter nach innen gewandert – zu den Nieren und dann wurde eine Nierenbeckenentzündung daraus. Bemerkt hat man sie am rot gefärbten Harn. Sichtbares Blut im Urin, gepaart mit Fieber – meist ein sicheres Zeichen! Meine Blasenentzündung und E. coli sind an und für sich eher stille Lebensgefährten. Sie pflegen einen ausgeglichenen Lebensstil und wenn ich mitmache ist meist Ruhe im Körperhaus. Aber wehe es gibt Veränderungen oder Unregelmäßigkeiten in unserem Leben, dann hängt der Haussegen schief!

Ich kann mich noch gut an die Pubertät erinnern – war das eine aufregende Zeit! Natürlich habe ich das Taschengeld nicht für grünen Salat ausgegeben und wer will schon schlafen – man könnte ja was versäumen. Die ersten Lieben, das Gefühl erwachsen zu sein, die Nacht zum Tag machen, tanzen, lieben, wenig Schlaf und wenig Zeit zu essen. Das hat E. coli wohl weniger gut gefallen. Er musste sich anstrengen Vitamin K zu produzieren, ich denke er hat seine ganze Verwandtschaft dazu eingeladen, und ist dann auch noch in die Blase ausgewandert. Das wiederum rief die Blasenentzündung aufs Parkett und die hat dann ordentlich herumgetobt. Aber kein Problem – zu Hilfe gerufene Antibiotika wiesen die beiden wieder in ihre Schranken. Zumindest eine Zeit lang. Ungefähr ein Jahr lang  hatten wir regelmäßig Zoff und besonders schlimm war es dann noch im Winter – Kälte mögen beide nicht.

Die Jahre bis zum ersten fixen Freund waren relativ ruhig, aber als wir uns dann regelmäßig trafen und zusammenzogen sind beide wieder ausgezuckt. Wir hatten doch so viel Spaß, mein Freund und ich – wir haben ein gutes Flascherl Rotwein getrunken und uns oft bis in den Morgen bzw. zumindest bis zum Einschlafen geliebt. Natürlich wusste ich, dass vor dem Sex viel trinken und nach dem Sex aufstehen, pinkeln und dann duschen, hilft die kleinen Quälgeister loszuwerden. Aber wer will das schon dauernd? Antibiotika halfen nach wie vor sehr gut alles in Schach zu halten. Ein bisschen merkwürdig war es schon, dass bei jeder Routine-Harnuntersuchung nicht sichtbares Blut im Harn festgestellt wurde, aber nachdem sowohl Ultraschall von Blase und Nieren als auch Blasenspiegelung ohne Befund blieben, kein Grund für Veränderungen.

Wieder viele Jahre Ruhe in unserer WG – nur wenn es ein besonders lustiger und feucht-fröhlicher Abend war oder wenn ich über lange Phasen echt viel im Job zu bewältigen hatte, man will sich ja schließlich im Berufsleben etablieren und bei den besten vorne mit dabei sein, dann haben sie wieder an die (Blasen) Wand geklopft und gedroht. Ich hatte ihre Allüren schon fast vergessen – war abgelenkt mit 1000 anderen wichtigen Dingen und diversen Befindlichkeitsstörungen – einer längeren Drehschwindel-Attacke, Problemen und Entzündungen meines Zahnfleisches/Zahnverlust, einer Blindarmreizung, Lebensmittel-Unverträglichkeiten, einer Gastritis mit Reflux, einem entzündeten und perforierten Dünndarm, einem Rad- und später einem Autounfall mit Brustbeinbruch – na ja, man wird halt auch nicht jünger und das ist halt der Preis für den großen Eifer und die Leistungen die man im Leben an den Tag legt und zu bewältigen hat. Nichts Ernstes quasi, alles abwendbar.

Erst als ich dann schon längere Zeit fast stündlich aufwachte, keine Regeneration im Schlaf mehr fand, das Klimakterium sich dazu gesellte – da wurden sie wieder lästig und wollten gar nicht mehr von meiner Seite weichen. Auch die Antibiotika haben in dieser Zeit W.O. gegeben – Resistenzen hieß es und, dass nur noch Jod zur Verfügung steht. Das und die zerstörte Vaginalflora und die Pilzbesiedelung wiederum haben meine Vaginal-Schleimhäute nicht so gut geheißen. Zuerst dachte ich, die neue Liebe wird E. coli und die mittlerweile chronische Blasenentzündung besänftigen, aber das machte sie nur noch wilder.

Und dann habe ich aufgegeben und wir haben echt viel Zeit miteinander verbracht und miteinander geredet, uns zugehört und Spielregeln vereinbart.

Sie haben mich darum gebeten etwas ruhiger zu treten – uns allen zuliebe! Und dann kamen auch noch alle anderen Hausbewohner dazu. (Nein wir haben nicht gefeiert und die Nacht zum Tag gemacht!) Milz und Magen haben mich liebevoll in den Arm genommen und mir erklärt wie wichtig eine ausgewogene, regelmäßige und warme Ernährung, reich an grünem Gemüse, in Ruhe genossen, für uns ist. Lunge und Dickdarm haben mir klargemacht, dass sie regelmäßige Bewegung an der frischen Luft, gepaart mit Atemübungen und dem Ausmisten von Glaubenssätzen und anderem Lebens-Ballast sehr schätzen und, dass ich doch bitte das Wort Nein in meinen Wortschatz integrieren möge. Das Thema rauchen goutieren sie überhaupt nicht, haben es aber diskreter Weise nicht angesprochen, da es sowieso auf der Hand liegt. Grenzziehung sagten sie, sei auch so ein Thema wo ich noch hinschauen könnte. Und ob mir denn nie aufgefallen sei, dass immer dann, wenn ich meine Grenzen verletze oder sie nicht klar mache, die Blasenentzündung präsent wird. Niere und Blase sind müde, haben sich erschöpft an dem ständigen Gaspedal treten, sie bitten um Urlaub, Schlaf vor Mitternacht und einen übersichtlichen Terminkalender mit reichlichen Freiräumen.

Die Blase versprach, wenn ich mich an meinen Teil der Abmachung halte, mich nicht mehr mit Druck und Brennen zum schmerzhaften Loslassen und Entspannen zu zwingen. Leber und Gallenblase musste ich versprechen wieder mehr Träume zu schmieden und mich weniger mit TV und Rotwein auszugleichen. Herzkonstriktor und 3fach Erwärmer stimmten ihnen zu – warm halten und keine emotionalen Extreme baten sie nur. Tja der Dünndarm freute sich dann schlussendlich über die viele Klarheit im Haus und beteuerte, dass dies nun auch seinen Job wesentlich erleichtere. Und das Herz, ja das zwinkerte nur und schenkte mir das strahlendste Lächeln seit langem. Ich glaube, es hat sich ruhig vor sich hin gefreut, weil alle irgendwie so zufrieden wirkten und die ganze Sache eigentlich so einfach und so schlüssig klingt.

Gabi Pfeifer