Jede Jahreszeit hat eine spezifische Qualität und wird in der TCM einem der Fünf Elemente zugeordnet. Verstehen wir diese Qualität, dann können wir uns besser auf die jeweiligen Herausforderungen einstellen. Der Sommer repräsentiert das Feuer-Element.

DIE JAHRESZEIT SOMMER: ÖFFNEN UND VERTEILEN

Türen auf, Fenster auf: Der Sommer ist da. Die Tage sind lang. Die Nächte kurz. Das Licht dominiert. Und mit ihm die Wärme. Der Sommer verkörpert das Yang im Yang, das maximale Yang, das seinen Höhepunkt am 21. Juni erlebt, dem Zeitpunkt der Sommersonnenwende. In der TCM markiert dieser Termin allerdings nicht den Anfang, sondern bereits die Mitte des Sommers, weil höher als am 21. Juni kann die Sonne einfach nicht mehr stehen, länger können die Tage nicht mehr werden, kürzer können die Nächte nicht mehr sein. Ab jetzt geht es eigentlich schon wieder bergab: What goes up, must come down. Das ist die Spielregel. Man muss bedenken: Der lebensspendende Feuerball hat bereits einen sechs Monate dauernden Aufstieg aufs Parkett gelegt und sich dabei mächtig ins Zeug gelegt. Die Sonne hat Eis geschmolzen, Schnee vertrieben, die Natur wach geküsst, Blüten hervorgezaubert und den Menschen die Leichtigkeit des Seins zurück gebracht. Sie hat ihren Job gut gemacht, sie will gefeiert werden. Daher: Sonnwendfeuer überall.

Der Brauch des Sonnwendfeuers geht weit zurück und ist heidnischen Ursprungs. Bezüglich dem Warum und Wieso gibt es viele Interpretationsansätze. Einer davon besagt: Es geht darum, der Sonne Energie zu schicken, ihr die Wärme und die Kraft zurück zu geben, die sie auf ihrem Weg nach ganz oben liegen gelassen hat. Ob man daran glaubt oder nicht, fest steht: Nun verabschiedet sich der übermächtige Feuerball. Leise zwar, aber doch. Geben wir ihm daher ein kräftiges Lebenszeichen mit auf seinem Weg in die Auszeit. Ein bisschen Proviant. Ein bisschen Unterstützung. Auf dass er erholt und motiviert zurück kommen kann. Es ist nicht davon auszugehen, dass das kleine bisschen Feuer auf der Erde der Sonne wirklich Energie schickt. Aber die Geste zählt. Und aus dieser Idee könnte unser westliches Verständnis des jahreszeitlichen Kreislaufes Inspiration beziehen, vor allem was die Definition des Sommeranfangs betrifft: Wie kann man nur den Beginn der Jahreszeit des größten Yang an einem Tag legen, wo dieses seinen Zenit erreicht? Denn mit dem Erreichen des Höhepunkts ist dieser an jedem weiteren Tag bereits überschritten. Die Verhältnisse ändern sich. Das Yang beginnt wieder abzunehmen. Der Name legt es doch schon nahe: Sommersonnenwende!

Zudem: Die Sache Sommer kommt wesentlich früher ins Rollen, genau genommen Mitte Mai. Das ist den Meteorologen bekannt. Ab Anfang Mai sind die Temperaturen am Festland meist schon sehr hoch. Es findet eine schnelle Erwärmung statt, da können die großen Wasserflächen der Meere und Ozeane nicht mithalten. Wasser ist in Relation zu Erde mehr Yin und reagiert dementsprechend langsamer auf die Einwirkung von Yang, sprich: Das eine ist schon etwas wärmer, das andere noch nicht. Durch diese Differenz entsteht eine spezielle Dynamik: Kalte Luftströmungen aus den Polargebieten werden auf das Festland gedrückt, ausgerechnet dann, wenn man der Meinung ist, das Schlimmste bereits hinter sich zu haben. Plötzlich lässt die dunkle Jahreszeit nochmals grüßen. Der Volksmund spricht von den Eisheiligen. Da kann es Morgenfrost geben. Oder Sauwetter. Die TCM sagt: Das Yin des Winters kann sich bis Mitte Mai zeigen. Ab dann hat jedoch das Yang das Zepter sattelfest in der Hand und die Kälte keinen Auftrag mehr. Und wenn das Yang dominiert, dann muss das der Beginn des Sommers sein, der laut TCM exakt nach dem Ende unserer Eisheiligen einsetzt.   

Die Vorherrschaft des Yang bringt in der Natur eine Veränderung der energetischen Dynamik mit sich: Im Frühling, nach der langen Zeit des Yin, nach der großen Dunkelheit, nach der großen Kälte, da begibt sich alles auf die Jagd nach dem sehnsüchtig vermissten Licht, nach der entbehrten Wärme. Die Wirkrichtung des Frühlings geht nach oben, in Richtung Sonne. Die Wirkrichtung des Sommers geht vielmehr nach außen: Nach außen im Sinne einer Öffnung, einer Ausdehnung. Im Sommer muss man dem Yang aber nicht mehr nachjagen. Es gibt genug davon. Man braucht es nur herein zu lassen. Das bringt eine Öffnung auf allen Ebenen mit sich: Wir öffnen Türen und Fenster. Helligkeit durchflutet den Raum, bis in den letzten Winkel. Wir öffnen Jacken und Mäntel. Wärme durchflutet den Körper, bis hinein in die Knochen. Und wenn das Yang einmal so richtig zur Hochform aufläuft, wenn die Stadt zum Glutofen wird, wenn man untertags gebraten und nächtens gedünstet wird, dann öffnen sich auch die Poren. Es wird geschwitzt. Das Innerste kehrt sich nach außen. Man kann nichts verbergen. Das ist die Offenheit des Sommers. Das steht alles im Zusammenhang mit dem ihm zugeordneten klimatischen Faktor: Der Hitze.

Wobei man an dieser Stelle zwischen Hitze und extremer Hitze unterscheiden muss. Extreme Hitze ist extremes Yang und immer wenn sich eine Polarität in einem Extrem zeigt, dann besteht Gefahr, weil das natürliche Gleichgewicht gekippt ist. Extreme Hitze kann zu Dürre, Ernteausfälle, Wassermangel oder Waldbränden führen. Extreme Hitze kann unsere Gesundheit bedrohen. Sie kann das Herz belasten. Extreme Hitze hat nichts mit der charakteristischen Leichtigkeit des Sommers zu tun. Lebensbedrohliche Dynamiken sind Ausdruck des Wasser-Elements, unserer Instanz für das Überleben. Das Feuer-Element steht nicht für einen zerstörerischen Überschuss von Yang. Es geht für die Vollendung des Yang.

Die Vollendung des Yang bedeutet, dass es seinen Zenit erreicht hat. Es befindet sich in seiner vollen Kraft. Es hat genug Energie. Wir brauchen diese nicht zu konservieren, wie im Winter, wo genügend Ressourcen ein entscheidender Überlebensfaktor sind. Überhaupt: Winter und Sommer, Feuer- und Wasser-Element, das sind die zwei größten Gegensätze in der TCM. Das eine steht für das größte Yin. Das andere für das größte Yang. Der Winter ist Stillstand. Der Sommer ist Bewegung. Der Winter steht für den Tod. Der Sommer für das Leben. Der Winter mag Rückzug. Der Sommer mag Offenheit. Diese Offenheit ist notwendig. Sie ist die Grundlage von Zirkulation. Die Energie muss im Sommer im Fluss bleiben, sonst staut sie sich. Das entspricht nicht der dynamischen Natur des Yang. Es braucht freie Fahrt auf allen Ebenen. Yang Stau ist Hitze Stau. Diesen gilt es zu vermeiden.

Die Kleidung muss luftig und offen sein. Die Poren müssen offen sein. Die Fenster müssen abends offen sein. Während man in der kalten Periode besser dran ist, sich von der Umwelt abzugrenzen, um ja keine Energie zu verschwenden, profitiert man im Sommer von einem kontinuierlichen Austausch mit der Umgebung. Nicht nur um Stau zu verhindern und Kühlung zu fördern. Das Yang soll bis in die Knochen vordringen. Unseren Körper kann man sich wie ein mehrstöckiges Gebäude vorstellen. Die oberen Stockwerke brauchen Beschattung und Ventilation. Die Kelleretage braucht Wärme und Trockenheit. Die Kelleretage steht für die tiefsten Schichten des Körpers. Dringt das Yang nicht in diese ein, dann können sich dort Kälte und Feuchtigkeit festsetzen. Eine denkbar schlechte Ausgangssituation für den kommenden Winter. Und schließlich sollte man auch die Sonne ins Herz lassen.

Denn soviel Offenheit und Austausch machen auch vor der Seele nicht halt und wenn es eine Jahreszeit gibt, in der sie sich bedenkenlos mit all ihren Facetten zeigen kann, dann im Sommer. So sehr das Wasser-Element einen Hand zum Existentiellen hat, so sehr liebt das Feuer-Element die Freude und die Leichtigkeit des Seins. Man hat nichts zu befürchten: Man wird nicht erfrieren, man wird nicht verhungern. Irgendwie kommt man im Sommer immer über die Runden. Die Tage sind lang, die Nächte lau, es bleibt genügend Zeit für Müssiggang. Nicht ohne Grund haben daher vor allem die südlichen Länder das Savoir Vivre par excellence kultiviert. Sommer: Der Zenit ist erreicht. Es ist Zeit, sich zu zeigen. Es ist Zeit sich zu freuen.

Kernqualitäten des Feuer-Elements

  • Jahreszeit: Sommer
  • Charakteristik: Vollendung und Expansion
  • Wirkrichtung: Nach außen, zirkulierend, zerstreuend
  • Klimatischer Faktor: Hitze

 

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