Was mit unserem Körper in der heißesten Zeit des Jahres genau passiert und auf was man dabei achten muss, stellt die Traditionelle Chinesische Medizin leicht nachvollziehbar dar.

Der Sommer ist die Jahreszeit, wo das Yang seinen Höhepunkt erreicht, daher wird der Sommer in der Traditionellen Chinesischen Medizin auch als das „große Yang“ bezeichnet. Yang, das ist ein Sammelbegriff für Wärme, Licht, Aktivität und Expansion. Yin steht wiederum für Kälte, Dunkelheit, Ruhe und Kontraktion. Die Zeit des Yin ist der Winter: Alles hat sich zurück gezogen, das Leben findet drinnen statt, das Tempo der Natur ist moderat. Nach der Wintersonnenwende beginnt das Yang jedoch kontinuierlich zu steigen, lässt im Frühling kurz, dafür aber umso intensiver seine Muskeln spielen, bis es im Sommer seine maximale Kraft entfaltet hat. Es ist die Zeit der längsten Tage, der kürzesten Nächte. Es ist die Zeit der Hitze, der Trockenheit, der größten Expansion: Alles befindet sich an der Oberfläche, alles strömt nach draußen, alles zeigt sich. Die fröhliche Leichtigkeit des Sommers. Pures Yang, entfesselt und frei. Dieser Prozess spiegelt sich natürlich auch in unserem Körper.

VOM ZENTRUM ZUR PERIPHERIE

Im Sommer strömt die Energie unseres Systems vom Zentrum zur Peripherie. Sie folgt dem expansiven Yang in der Natur. Und das mit gutem Grund: Wir müssen uns im Sommer gegen Sonne und Hitze schützen. Wir brauchen ein Schutzschild und eine Klimaanlage. Beide Funktionen übernimmt die Haut. Daher konzentriert sich dort unsere Energie und unterstützt das Öffnen und Schließen der Poren. Und nur mit gut funktionierenden Poren können wir ausreichend Schwitzen und den Körper  entsprechend kühlen. Zur Kühlung zählt auch das Kreislaufsystem, das Blut muss kräftig zirkulieren, um eine Überhitzung des Kerns zu vermeiden. Das setzt wiederum eine starke Pumpe voraus und das Organ des Sommers ist das Herz. Es zählt zum Feuerelement und ist der Kaiser aller Organe. In der heißen Jahreszeit ist es stark gefordert, übermäßige Hitze tut ihm nicht gut. Immerhin: Das Herz besteht zu 90% aus Yang-Energie. Es braucht Yin, es braucht Kühlung, es braucht Öl, Schmiermittel, wie ein Motor, der hohe Leistungen vollbringen muss.

Die Haut schützt uns aber nicht nur durch das Schwitzen vor hohen Temperaturen, sondern ebenso durch die sogenannte Abwehrenergie, in der Traditionellen Chinesischen Medizin Wei-Qi genannt. Diese Abwehrenergie kann man sich wie den Schutzschild des Raumschiffs Enterprise vorstellen. An ihm prallt alles ab. Bei einer Schwäche können allerdings schon kleine Störfaktoren große Probleme bereiten: Einen Hauch zu lange in der Sonne und schon sieht man aus als wäre man am Grill eingeschlafen. Ein bisschen Wind, ein bisschen Klimaanlage und zack: Nacken steif, Kreuz steif, Schultern steif. Ein bisschen Anstrengung und schon fühlt man sich schlapp und müde. Der Schutzschild macht’s. Oder eben nicht. Wollen wir also gut und beschwingt durch den Sommer kommen, gilt es vor allem auf zwei Faktoren zu achten: Klimaanlage und Schutzschild müssen einwandfrei funktionieren.

DIE SACHE MIT DEN KÖRPERFLÜSSIGKEITEN

Yang ist Trockenheit. Yin ist Feuchtigkeit. In der Zeit des großen Yang besteht die Gefahr, dass wir über die Klimaanlage Schwitzen zu viel Feuchtigkeit verlieren. Der Körper, wie ein Garten, der zu wenig Wasser bekommt. Wir trocknen aus. Wir laufen heiß. Folgende Symptome können ein Hinweis sein, dass die innere Yin/Yang-Balance aus dem Gleichgewicht geraten ist:

  • Unruhiger Schlaf
  • Nachtschweiß
  • Trockene Haut
  • Neigung zu Entzündungen, rote Hautausschläge
  • Rote Flecken im Gesicht, vor allem an den Wangen
  • Rote Augen bzw. leicht entzündlich Augen, Lichtempfindlichkeit
  • Hitzewallungen
  • Großer Durst auf kalte Getränke
  • Sodbrennen, Gastritis
  • Leichter Durchfall oder Verstopfung mit übel riechendem Stuhl
  • Kreislaufschwäche, Müdigkeit
  • Emotionale Empfindlichkeit, Reizbarkeit
  • Unkonzentriertheit, Vergesslichkeit

Bei all diesen Symptomen überwiegt das Yang in Relation zum Yin. In der Traditionellen Chinesischen Medizin hat daher die Pflege und Bewahrung der Körpersäfte im Sommer einen hohen Stellenwert, denn die Körpersäfte sind unser Yin, sie befeuchten und kühlen unseren Körper. Der einfachste Ansatz ist natürlich allzu intensives Schwitzen zu vermeiden. Dazu zählen ganz banale Tipps wie ausreichend Wasser zu trinken, die größte Hitze zu vermeiden und vermehrt den Schatten aufzusuchen. Bewohner südlicher Länder wissen das schon lange. Zu Mittag gibt es Siesta. Bewegung findet im Zeitlupentempo statt. Die Aktivität (yang) konzentriert sich auf die Yin-Zeiten des Tages(morgens, abends). Auch wird eher am Abend üppig gegessen, weil sich in der größte Mittagshitze die meiste Energie an der Peripherie und somit nicht im Verdauungstrakt befindet. Überhaupt: Der Verdauungstrakt ist der Schlüssel für Yin, Energie und Lebenskraft im Sommer und diesbezüglich muss man aufpassen. Wirklich!

KÜHLUNG IST NICHT KÜHLUNG

Die Hitze, die verlangt nach Eis, nach Joghurt, nach kühlen oder eiskalten Getränken, nach Rohkost und Früchten. Ja. Das kann und darf man sich auch gönnen. Wenn, dann jetzt. Aber bitte in Maßen. Denn der kühlende Effekt unserer klassischen Sommernahrung und Getränke ist ein kurzfristiger. Dazu muss man Folgendes verstehen: Für den Verdauungstrakt ist der Sommer eine Zeit der Schwäche, da sich die meiste Energie an der Peripherie befindet. Verdauung an sich braucht allerdings viel Energie. Das Verdauen von thermisch kühler oder kalter Nahrung oder Getränken braucht noch mehr Energie. Dazu wird die Energie von der Peripherie abgezogen und in den Verdauungstrakt kanalisiert. Das stört jedoch unsere Klimaanlage und unsere Schutzschild. Für den kurzfristigen Kick von rascher Abkühlung im Bauch stören wir den natürlich Regulationsmechanismus unseres Systems. Das ist Blödsinn. Kein hitzeerprobtes Volk macht so etwas. Daher: Als bewusster Genuss okay. Als Basis der eigenen Ernährungspyramide nicht zu empfehlen.

In tropischen Ländern wird gerne scharf gegessen. Weil die Schärfe Energie und Wärme in den Verdauungstrakt bringt UND die Klimaanlage Schwitzen unterstützt. Das macht Sinn. In Wüstenländern gibt es dafür stark gesüßten Tee. Ein warmes Getränk. Aus demselben Grund. In den Tropen gesellt sich zur Hitze meist noch Feuchtigkeit. Da helfen die Gewürze, weil sie zusätzlich Feuchtigkeit transformieren. In der Wüste dominiert Trockenheit. Hier ist süß der richtige Ansatz, weil süß befeuchtet. Und wir? Wir essen kalt und kälter und quer durch die Bank ohne Strategie und Philosophie. Die Rechnung bekommen wir spätestens im September präsentiert. Weil wir derart über die Sommermonate kontinuierlich Kälte im Verdauungstrakt aufbauen und die Stabilität des Schutzschilds Wei-Qi abbauen, können wir der sich langsam heranpirschende Kälte nichts entgegensetzen und erliegen der ersten Erkältungswelle so sicher wie das Amen im Gebet.

Abgesehen davon, dass wir uns mehr oder weniger durch den Sommer hindurch quälen, weil wir durch zu viel Gelato und Co weder wirklich Energie noch Yin noch Körperflüssigkeiten aufbauen. Süß und warm geht. Süß und kalt kreiert nur inflationäres Yin, Yin, dass der Körper nicht wirklich brauchen kann, nicht als Flüssigkeit, nicht als Kühlmittel, daher wird es geparkt, bevorzugt in Form von Ödemen oder Schwellungen. Oder ausgeschieden, in Form von sommerlichem Durchfall oder übermäßigem, den Verhältnissen nicht mehr angepassten Schwitzen. Nein. So nicht. Dazu kommt noch, dass Verdauungstrakt und Lungen in der Traditionellen Chinesischen Medizin eine enge Verbindung haben. Und die Lungen kontrollieren die Haut und das Wei-Qi, also Klimaanlage und Schutzschild. Zuviel Feuchtigkeit im Verdauungstrakt kann auf die Lunge schlagen und sie in ihrer Funktion beeinträchtigen. Das macht uns müde, kurzatmig und im Worst Case tropft die angesammelte Feuchtigkeit nicht nur aus den Poren, sondern auch aus der Nase.

Auch die Fit & Light- Generation haut teilweise kräftig daneben. Denn selbst der Mineralwasser-Zitronen-Wahn hat seine Grenzen. Der saure Geschmack zieht zwar zusammen und konserviert. In geringer Dosis ist das gut um die Körpersäfte zu bewahren. Im Übermaß führt eine zu starke Kontraktion jedoch dazu, dass die Energie im Inneren blockiert und die Versorgung der Peripherie mit Energie und Flüssigkeiten dadurch abgeschnitten wird. Man kappt die Stromversorgung der Klimaanlage. Das ist suboptimal bei großer Hitze. Und trägt ebenfalls wenig dazu bei, das für den Körper im Sommer so notwendige Yin aufzubauen. Sprich: In vielen Fällen versuchen wir uns zu kühlen, kühlen damit aber nur unseren Verdauungstrakt, unsere tragende Mitte ab und bewirken damit einen kurzfristigen Effekt mit längerfristigen Folgeschäden. Noch schlimmer ist es allerdings, wenn wir zusätzlich die Heizung anwerfen…

WIE MAN LEICHT ÜBERHITZT

Der Griller. Die Küche im Garten oder am Balkon. Der sommerliche Sammelpunkt. Da wird dann aufgetischt: Koteletts, Meeresfrüchte, Würste, Knoblauchsauce, Tabasco, Pfeffer, Chili und so weiter. Dazu natürlich Alkohol. Das ist in Summe dann der Yang-Super-GAU. Weil sowohl Zubereitungsart als auch Zutaten warm bis heiß sind. Hin und wieder ist das kein Problem. Weil eben: Auch im Sommer braucht der Verdauungstrakt Yang-Energie. Aber wer allzu regelmäßig Grillparties schmeißt oder besucht, darf sich nicht wundern, wenn er sich in der oben genannten Symptomliste wiederfindet. Und was im Sommer bei uns gemeinhin üblich ist: Eine Mischung aus zu heißer und zu kalter Nahrung. Eine Mischung aus maximalen Yang und maximalen Yin. Kein Wunder, wenn uns die Hitze immer mehr zusetzt. Denn da waren sie schon schlau, die alten Chinesen. Ist eine Jahreszeit extrem, sollte man selber Extreme vermeiden und sich vernünftig anpassen. Die oben genannte Ernährungsweise heißt für den Verdauungstrakt, dass er ständig zwischen Hochsommer und tiefsten Winter pendeln muss. Nicht ohne Grund sind Darmerkrankungen vor allem in der heißen Jahreszeit häufig anzutreffen. Und Klimaanlage sowie Schutzschild tun sich derart natürlich auch schwer. Wir jammern, dass uns die Hitze immer mehr zusetzt. Tragen dabei aber einen großen Teil der Schuld. Dabei wäre es gar nicht so schwer. Wie? Das steht im nächsten Blog