Unser Shiatsu-Verständnis braucht dringend ein Upgrade.  Peter Itin stellt diesbezüglich spannende Gedankengänge in den Raum.

Unser Shiatsu-Verständnis braucht dringend ein Upgrade. Wenn ich als nun 70Jähriger meine allmählich zu Ende gehende berufliche Laufbahn mit Shiatsu reflektiere, so hat mein heutiges Arbeiten wohl noch gewisse Wurzeln gemeinsam mit dem, was ich in den 90er Jahren in der Ausbildung gelernt hatte. Es hat sich jedoch in entscheidenden Punkten weiterentwickelt, um den Herausforderungen meiner Klientel und der heutigen Welt gut zu entsprechen. Mit drei Aufrufen möchte ich Dir meinen Stand der Erkenntnisse aufgrund meiner beruflichen Erfahrungen weitergeben.

Aufruf Nr. 1: Wirf die Begriffe Kyo/Jitsu über Bord und nutzt ein dynamisches, bedürfnisorientiertes Energie-Verständnis und Vokabular

Die japanischen Begriffe kyo/jitsu sind für die Kommunikation mit KlientInnen und anderen Fachpersonen untauglich. Sie sind aber auch für uns Praktizierende suboptimal. Sie sind abstrakte Bezeichnungen für einen Energie-Zustands von Leere und Fülle und damit zunächst statisch. Als viel wirksamer erweist sich die Verwendung bedürfnisorientierter Begriffe, welche dynamisch und handlungsbezogen sind und unserem Sprachverständnis entsprechen. Die Sprache, die ich verwende, ist nicht unerheblich, sondern energetisch entscheidend. Die Begriffe, die ich als Kriterien in der Begegnung mit dem Organismus der KlientInnen nutze, prägen meine innere Haltung, und damit den Zugang und die Qualität des Ergebnisses. Wenn ich die energetischen Bedürfnisse des Organismus sprachlich zu erfassen versuche, dann sind für mich folgende Formulierungen von Bedeutung: Erstens das Bedürfnis nach Bewegung. Es konkretisiert sich als Bedarf nach Befreiung, Weite, Expansion, nach Schmelzen dürfen, nach Klarheit der Richtung, nach Rhythmus. Zweitens das Bedürfnis nach Halt. Es konkretisiert sich als Bedarf nach Schutz, nach genährt werden, nach Bewusstheit und Präsenz, nach Aktivierung. Drittens das Bedürfnis nach Verbundenheit. Es konkretisiert sich als Bedarf nach Geborgenheit in sich und dem sozialen Gefüge, im therapeutischen Beziehungsfeld und im Universum, nach Verbindungen und Ganzheitlichkeit, nach Schutz und Mitgefühl. Die duale Kategorie Kyo/Jitsu engt unsere geistige Ausrichtung, unsere Arbeit und unsere Kommunikation unnötig ein. Ich habe mich vollkommen davon befreit zugunsten eines Denkens, Wahrnehmens und Handelns in der Kategorie von energetischen Bedürfnissen.

Aufruf Nr. 2: Erweitere das fernöstliche Gesundheitsmodell um das westliche Gesundheits-Verständnis

Das chinesische Theorie-Gerüst von Shiatsu lässt sich nahtlos in die Theorien, Modelle und das Verständnis der westlichen Gesundheitswissenschaften integrieren (vgl. hierzu Alexa Franke, Modelle von Gesundheit und Krankheit, Lehrbuch Gesundheitswissenschaften, Huber 2006). Wenn man diesem Ansatz konsequent folgt, erweitert sich das berufliche Selbstverständnis um neue Dimensionen. Es macht die Arbeit zunächst besser kommunizierbar. Wenn wir beispielsweise im westlichen Denken vom Konzept der Homöostase sprechen, welche die dem Organismus innewohnende Selbstregulierungskraft und –fähigkeit meint, dann schliesst dieses westliche Konzept auch fernöstliche Modelle wie das der Fünf Wandlungsphasen ein. Auch in diesem Punkt ist hervorzuheben, dass die Ergänzung der fernöstlichen Modelle um westliche Konzepte die Wirksamkeit der Arbeit weiter erhöht. Unsere Berührung erhält energetisch eine bedeutend stärkere Wirkung, wenn wir Meridianenergien als „Ressourcen“ verstehen und sie mit der Haltung ansprechen, sie als „Quellen der Kraft“ zu verstehen, welche die Homöostase stärken. Wir unterstützen im Shiatsu die Kraft des Erdens, des Loslassens, des Integrierens und so fort. Mit jeder Berührung bin ich im Kontakt mit einer essentiellen Ressource, die ich für den Organismus aktiviere und nutzbar mache. Ich behandle somit nicht ein Kyo des Dickdarmmeridians, sondern ich stärke die Fähigkeit los zu lassen, die sich mir als Bedürfnis zeigt. Mit dieser inneren Ausrichtung und Haltung erhält meine Berührung eine konkrete Bedeutung, die sich auf der Schwingungsebene überträgt und so ihre Kraft maximal entfaltet.

Aufruf Nr. 3: Erweitere den Begriff „Shiatsu-Behandlung“ um ein multimodales Verständnis und Vokabular

Deine Arbeit mit KlientInnen als Behandlung zu verstehen und zu bezeichnen, stellt diese unter den Scheffel und reduziert dein Wirkungs-Potential drastisch. Mit unseren Berührungen verfolgen wir zwar hauptsächlich das Ziel, die Selbstregulierungskräfte des Organismus unserer KlientInnen zu stimulieren. Jedoch ist ebenfalls sehr wichtig, dass unsere Berührungsarbeit auch den beiden Zielen dient, die Selbstwahrnehmungsfähigkeit zu verbessern und Voraussetzungen zu schaffen, den Alltag wieder besser bewältigen zu können. Letztlich wollen wir, dass unsere Arbeit nachhaltig wirkt. Dies erfordert, dass wir die Behandlungen einbetten und ergänzen um Gespräch und Anleitungen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Wirkung der Berührungsarbeit verpufft, und dass fest eingefahrene, alte Denk- und Verhaltens-Muster ihre gesundheitsschädliche Kraft weiterhin aufrecht erhalten. Dies hatte schon Masunaga erkannt, der in den letzten Jahren seines Lebens sein Schwergewicht auf die Entwicklung und Verbreitung seiner Meridian-Dehnübungen gelegt hatte. Die für unseren Beruf erforderlichen Kompetenzen der Gesprächsführung und Anleitung sind genau so wichtig wie die reinen Behandlungskompetenzen, selbst wenn der zeitliche Anteil der Behandlung in der Praxis überwiegt. Diese ergänzend erforderlichen Kompetenzen haben in der Schweiz im Zuge der staatlichen Anerkennung des Berufsabschlusses für KomplementärTherapie endlich das erforderliche Gewicht erhalten. Letztlich ist unsere Arbeit multimodal. Shiatsu als KomplementärTherapie nutzt die Mittel Behandlung, Gespräch und Anleitungen. Sie ergänzen sich organisch, um die oben aufgeführten drei Ziele, die eng zusammengehören, optimal erreichen zu können.

Shiatsu ist grossartig und hat ein grosses Potential. Shiatsu hat sich in der Vergangenheit gewandelt und differenziert. Es muss sich den Anforderungen der Gegenwart in unserer westlichen Kultur stellen, wenn es hier den Stellenwert einnehmen will, den es verdient. Ich möchte mit meinen drei Aufrufen Dir und der ganzen Shiatsu-Berufsgemeinschaft diese für mich wichtigen Erkenntnisse mit auf den weiteren Weg geben, quasi als Nachlass meiner beruflichen Tätigkeit, die sich nun allmählich dem Ende zuneigt. Keep going, my friends.

Peter Itin

Autor von „Shiatsu als Therapie“, BOD 2007. Shiatsu-Therapeut, Supervisor und Leiter von Fortbildungskursen im In- und Ausland. Mitinitiator und Co-Projektleiter für den eidgenössisch anerkannten Berufsabschluss in KomplementärTherapie (KT). Co-Autor des Berufsbilds KT.