Bei der Ausbildung zum/r Hara Shiatsu Praktiker/in geht es vor allem darum, das individuelle Potential der Student/inn/en frei zu legen. Alexander Kaiser, Student an der International Academy for Hara Shiatsu, fasst das derart zusammen: Warum ein Wolf kein Schaft sein kann!

Text: Alexander Kaiser

Die Wolfshöhle – oder warum ein Wolf kein Schaf sein kann

„Wer ist da?“

Der Wolf wollte eigentlich noch schlafen. Zu aufregend und anstrengend war seine bisherige Reise gewesen. Einmal noch Ruhe. Das hätte sich der Träger des Wolfspelzes gewünscht. Aber es war Zeit. Die Wolfsenergie wollte gelebt werden. Er ist eben ein Wolf und kann nicht wie ein Schaf oder gar als Schaf leben – auch wenn der Wolf das gerne wollte. Außerdem ist sein Winterschlaf im Sommer nicht gerade zeitgerecht.

Der Wolf ist schon vor Jahren weggelaufen

Er war damals aufgetaucht hinter zwei Felsen und lief dann entlang eines Waldstücks in einer sternenklaren Nacht in den fernen Osten des Landes – genau dort wo die Sonne aufgehen sollte. Doch bevor die wärmende Sonne den Horizont erleuchten konnte, verschwand der Wolf vor der aufgehenden Sonne wieder hinter zwei Felsen. Dort wo es Dunkel war.

Er war weggelaufen und aus Angst verschwunden. Man hatte den Wolf zwar in bleibender Erinnerung, aber sehen konnte man das schöne Tier seit dem nicht mehr. Manchmal, und das kam eher selten vor, hörte man sein Heulen hinter dem Vollmond, der glasklaren, klirrend, kalten, Nacht. Man hörte das Heulen ausschließlich, wenn man genau hinhörte. Es war ein trauriges Heulen. Es war ein bettelndes Heulen. Und es verstummte bald, da man ihn zwar hörte, ihn aber nicht herbei gerufen hatte. In Wirklichkeit hatte man ihn verscheucht. Dennoch sind Wölfe treue Tiere und gleichen Hunden, die bekanntlich vom Wolf abstammen. Und daher verlässt der Wolf seinen Wolfsführer auch nicht – egal wie schlecht oder gut er von ihm behandelt wird. Wölfe sind treue Begleiter. Aber sie sind auch vom Aussterben bedroht!

Weg-gelaufen

Beim Wort Weglaufen verbirgt sich das Wort „Weg“ und das Wort „Laufen“. Daher: Auch beim Weg-laufen gehen wir einen Weg aber was hilfts, wenn wir den Weg nicht gehen? Ja, der Wolf ist weg-gelaufen und dabei stagniert. Aber wovor läuft der Wolf weg? Ach was, man sollte nicht immer so streng sein und melodramatisieren! Einerseits vor sich selbst – das ist klar! In weiterer Folge vor seiner Bestimmung! Und genau die liegt in seiner Verantwortung.

Aber der Wolf hat bald bemerkt, dass er vor sich, vor seiner Bestimmung, vor seiner Einzigartigkeit nicht fliehen kann. Denn ein Wolf kann nicht wie ein Schaf leben oder sich so verhalten. Die beiden Gattungen haben unterschiedliche Eigenschaften die ihr Überleben sichern und sie werden von ihren Instinkten geleitet – was in spiritueller Hinsicht auch mit Bestimmung in Verbindung gebracht werden kann. Doch die Eigenschaften eines Schafes passen nicht auf die, eines Wolfes und umgekehrt. Würde ein Schaf wie ein Wolf leben, dann würde das Ende nicht lange auf sich warten lassen. Und ein Wolf kann auch nicht mit den Instinkten eines Schafes (über)-leben. Denn dann würde der Wolf elendlich zu Grunde gehen. Und warum? – Weil das Tier seinem Instinkt – seiner Bestimmung – nicht gefolgt ist.

Das Fragezeichen wird zum Rufzeichen!

Wovor ist der Wolf weg-gelaufen? Vor seiner Bestimmung! Das Fragezeichen ist an dieser Stelle unangebracht. Es ist das Ende der Fragen und der Beginn seiner Antworten. Wieder einmal kehrt sich Energie um. Ähnlich dem Yin und dem Yang am Beispiel von Südfrüchten (yang) eines Baumes (yin) die in heissen Regionen (yang) der Erde wachsen um den menschlichen Organismus zu kühlen (yin) und ihn damit regulieren, so dass er nicht überhitzt. Hier sieht man deutlich, dass sich Extreme umkehren können. Und so kann es auch passieren, dass aus einer Frage (yin) eine Antwort wird, und aus einem Fragezeichen ein Rufzeichen! (yang)

Jawohl! Geflohen vor seiner Bestimmung. Versteckt und eingeschlafen in seiner dunklen Höhle. Dieser Strolch! Er war dort wo ihn niemand sieht. Einsam. Verschlossen. In sich eingekapselt. Wobei letzteres absolut in Ordnung ist! Denn auch ein Wolf wird sich wohl noch fragen dürfen ob er überhaupt ein Wolf sein will! Das hält zwar zeitlich auf, aber dafür bringt es das Hirn ganz schön zum wixxen.

Wolfsenergie will gelebt werden!

Ein Wolf möchte wie ein Wolf leben. Die Eigenschaften „Einsam und verschlossen“ passen einfach nicht zu ihm. Denn Wölfe leben im Rudel. Sie leben nach Hierachie und klaren Regeln. Die Evolution gibt dieser Überlebensstrategie Recht. Sie gehen gebündelt auf die Jagd. Ihre einzelnen Fähigkeiten werden im Rudel aufgeteilt. Jeder ist auf Position und muss funktionieren. Anderenfalls geht die Beute verloren und im schlimmsten Fall lässt das Wolfsrudel ihr Leben zurück. Oder zerfleischt sich vor Hunger selbst. Dieser Instinkt – diese Bestimmung – sicherte seit Jahrtausenden den Wölfen ihr Überleben in der freien Wildbahn. Wölfe brauchen einen Anführer. Denn sie sind die Masterminds und Strategen. Wölfe drohen nicht. Sie beißen zu, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist und zwar ohne vorherige Ankündigung. Wölfe sind treu und uneigennützig. Sie denken im Rudel – also im Sinne des Ganzen!

In ihrem Rudel muss es einen Leader geben – anderenfalls wird das Rudel unruhig. Dann fragen sie zuviel z.B: Wo gehen wir hin? Wo finden wir Nahrung? Wird es morgen kalt? Überleben wir den heutigen Tag? Diese Fragen können ab einem bestimmten Zeitpunkt lebensbedrohlich werden. Daher muss der Wolfsführer zum richtigen Zeitpunkt erkennen, wann sich das Rudel auf den Weg macht um Beute zu finden, denn wenn sie länger hier herumstehen und sich weiter fragen, und fragen und fragen und fragen… wird die Nahrung (wahrscheinlich) auch nicht vom Himmel geregnet daherfliegen und alle satt machen. Wahrscheinlicher ist, dass es kalt und dunkel werden wird, dass sie Hunger bekommen und am Hunger sterben – wenn sie sich nicht auf den Weg machen. Wir brauchen einen innerer Führer, eine innere Führung, einen inneren Leader, der uns Antwort auf die wichtigen Lebensfragen gibt. Der uns sagt, wo wir das Futter finden, das uns wirklich statt macht.

Auch im Leben sollten wir uns am Weg machen…

…wenn wir hungrig sind und nicht erst dann wenn wir am Hungertod nagen. Das Höhlendasein hungert auf Dauer aus und der Magen knurrt. Wenn wir aber gehen, dann steigt (bildlich gesprochen) auch die Wahr-schein-lichkeit, dass eine Herde Schafe vorbeikommt und wir alle genug zum Essen finden. Außerdem wird beim Gehen Wärme erzeugt, weshalb es einen nicht so sehr fröstelt, wenn wieder mal der kalte Wind pfeift. Und nur so erleben wir dann auch den nächsten Tag! Unsere Fragen werden eindeutig beim Gehen beantwortet (zum Beispiel ob eine Schafsherde vorbeikommt).

Nur dann, sehen wir die Sonne am Horizont aufgehen, weil wir in der Nacht vor Hunger nicht gestorben sind. Wir sehen wie die Sonne im Morgentau der saftig, grünen Gräser von Neuem erstrahlt. Wir bemerken wie klar sie uns den bevorstehenden Weg leuchtet. Und mit vollem Bauch (im Sinne des Bauchgefühls) haben wir auch genug Kraft um weiterzugehen. Aber nur dann, wenn wir uns auf den Weg machen um Nahrung zu finden und wir uns nicht zu lange mit Fragen wie: Wer? Was? Wie? Wo? – ergo uns nicht zu lange in der Höhle aufhalten.

Im Gegenteil: Wenn wir die Kraft der Sonne (unser Inneres) am Horizont erleuchtet sehen und spüren möchten, dann sollten wir zeitgerecht aufstehen und uns am Weg machen. Denn am Abend ist die Sonne untergegangen. Und wir vor allem sollten wir auch dann gehen, wenn wir nicht wissen, ob gleich eine Herde Schafe vorbeikommt um uns zu sättigen. Denn wenn wir das wissen möchten, dann müssen wir uns am besten noch Heute auf den Weg machen.