Ist es nicht so, dass wir etwas bereits können müssen, um es tun zu dürfen? Unsere Gesellschaft vermittelt uns diesen Eindruck, und unser Bildungssystem ist darauf ausgelegt, dass unser Kopf unser wichtigstes Lernwerkzeug ist. Wissensvermittlung, wie es so schön heißt.  Aber schon Aristoteles sagte: „Es gibt Dinge, die wir erst lernen müssen, bevor wir sie tun. Und wir lernen sie, indem wir sie tun.“

Von Mag. Daniela Biesenbender 

Ich behaupte jetzt einfach mal, da geht es um die wirklich wichtigen Dinge. Da müssen wir gar nicht viel wissen, zumindest nicht im ersten Schritt, um es zu tun, sondern einfach anfangen – ein paar erste „Werkzeuge“ an die Hand bekommen und loslegen.

Als Kleinkinder lernen wir noch genauso. Mit dem Löffel essen. Darüber lesen wir nicht erst oder Mama erklärt wie’s geht. Irgendwann will der kleine Mensch nicht mehr gefüttert werden, sondern nimmt Mama den Löffel aus der Hand und versucht es selber. Klar geht da einiges vom leckeren Brei erst mal am Mund vorbei, an die Wangen, Nase oder auf den Latz, aber nach und nach lernt das Kleinkind durch das Tun, das ständige Üben den Löffel so zu halten, dass nichts mehr kleckert und die Hand mit dem Löffel findet den Weg zum Mund und rein damit – hamm, lecker. Erfolg!

Ab in die pädagogischen Institutionen, und insbesondere dann in der Schule wird unser kleiner Mensch dann mehr und mehr darauf geprägt, die Dinge wissen und verstehen zu wollen. Und das ist ja auch wichtig!

Aber lernt unser kleines Menschlein gehen, weil wir es ihm erklären? Oder kann es schwimmen oder Rad fahren lernen, indem es sich Videos auf Youtube ansieht?! Nein, es wird es probieren: wackelig, vielleicht mit Stützrädern, wie ein Hündchen paddeln, auch mal untergehen oder umfallen, um dann mit ein wenig Anleitung die ersten Schwimmzüge zu machen, die ersten paar Meter ohne Stützräder fahren und mit eine wenig Schwung in die Pedale zu treten.

Je älter wir werden desto mehr löst das kognitive Lernen jenes ab, von dem ich hier schreibe. Der Wunsch die Dinge erst zu wissen und zu verstehen bevor wir uns drüber trauen ist groß und wir sind darauf sozialisiert.

Hier geht die Psychomotorik, mit der ich mich früher in meiner pädagogischen Ausbildung und meinem pädagogischen Wirken auseinandergesetzt habe, jenen Weg, den ich schon beschrieben habe. Die Dinge, die ich erst lernen muss, bevor ich sie tue, lerne ich im Tun. Springen, rollen, Sachen konstruieren, gut mit meinem Umfeld umgehen, teilen können, jonglieren lernen uvm. Den Kindern werden Angebote gemacht und sie tun, üben und probieren aus und finden raus, wie es geht.

Mit dem Erlernen von Shiatsu geben ist es sehr ähnlich. Von Beginn an, sind unsere StudentInnen an der Academy gefordert ins Tun zu gehen. Erstmal die Selbsterfahrung, wie fühlt sich das an, wenn ich auf Shiatsu-Art berührt werde und dann die ersten Berührungen auf Shiatsu-Art, die ich ausführe. Barfuß-Shiatsu, eines der ersten Werkzeuge, die unsere StudentInnen für ihre Shiatsu-Reise bekommen. Es wird nicht viel erklärt, Eine/r liegt auf der Matte, der/die Andere schnappt sich einen Stock für die Balance und los geht’s. Der erste Kontakt – Füße auf Füße. Und so weiter und so fort.

Klar werden die ersten, im wahrsten Sinne des Wortes, Schritte unter Anleitung getan, wir arbeiten schließlich mit Menschen und direktem Körperkontakt – aber wir gehen gemeinsam mit den StudentInnen direkt ins Tun.

Der erste Einsatz der Hände, Daumen, Ellbogen, Knie – es ist so spannend. Und dann, dann schicken wir sie raus in die Welt, mit ihren ersten kleinen Werkzeugen, um ihre ersten eigenständigen Schritte zu tun. Familie, Freunde, Freunde von Freunden – ja, sie alle müssen „herhalten“ für diese ersten Schritte, die so unentbehrlich sind, für das erfolgreiche Erlernen dieses wundervollen Werkzeugkoffers namens Shiatsu.

Dies bringt naturgemäß einiges an Unsicherheiten mit sich. Zuerst bestimmt die Frage: Wird das noch was? das Üben. Schließlich glauben wir ja, wie eingangs festgestellt, dass wir das erst tun dürfen, wenn wir es können. Wenn wir unser Werkzeug beherrschen, wenn wir genug Spüren und Wahrnehmen, wenn wir die richtigen Fragen stellen. Aber das alles darf uns nicht abhalten vom Tun, denn durch das Tun lernen wir erst das Spüren und Fragen stellen.

Natürlich kommt im Laufe der Ausbildung – und danach – umfangreiches Wissen dazu und selbstverständlich verstehen wir mehr und mehr über das was passiert, wenn wir Shiatsu geben. Aber im Zentrum steht immer und immer wieder das Tun. Neue Techniken, verfeinerte Wahrnehmung, zielgerichtete Gesprächsführung – Die Dinge, die wir erst lernen müssen, bevor wir sie tun, lernen wir beim Tun – frei nach Aristoteles.

Was müssen sie noch tun, um es zu lernen?

 

Mag. Daniela Biesenbender