Es ist das Recht eines jeden Kindes umgeben von Liebe, Geborgenheit und Verständnis aufzuwachsen.

Interview  von Wolfgang Löffler

Du hast in deinem letzten Blog über „Swaddling“ berichtet. Auch, dass du diesem neuen Trend etwas skeptisch gegenüberstehst. Was genau macht dich daran so skeptisch?

Hier sollten wir zwischen Swaddling für Babys und Swaddling für Erwachsene unterscheiden. Wenn es Erwachsenen Spaß macht, sich wieder als Baby zu fühlen, kann das jeder selbst für sich entscheiden. Was mich sehr skeptisch macht ist das Swaddling für Babys – bitte nicht mit Pucken zu verwechseln!

Pucken, eine allerdings viel sanftere Form des „Einwickelns“, kann sehr hilfreich bei unruhigen, leicht schreckhaften Babys sein oder bei Frühchen, die nach einer Begrenzung suchen. Die Babys werden nur zum Schlafen gepuckt und wenn sie wach sind, dürfen sie sich frei bewegen und sich mit der Schwerkraft auseinandersetzen. Ist dies nicht möglich kann ein Baby die verschiedenen Entwicklungsschritte nicht meistern. Da die japanische Variante, das Swaddling, ständig und über einen langen Zeitraum stattfindet, führt das zu einem Entwicklungsdefizit.

Ich habe kurz vor diesem Interview bei meinen japanischen Baby-Shiatsu Kolleginnen eine kleine Umfrage gemacht und dieser Eindruck hat sich bestätigt. Das wurde auch von den Müttern bestätigt, die diese Methode bis zu diesem Zeitpunkt nicht hinterfragt hatten, da die Hebamme in Japan sehr bekannt ist. So eingepackt kann sich ein Baby nicht mit der Schwerkraft auseinander setzen, auch lernt es kein Stützen in Bauchlage.

Hier könnte man das Gegenargument bringen, dass die Babys, die in Afrika im Tragetuch auf dem Rücken der Mutter „gepuckt“ sind, sich auch gut entwickeln. Allerdings muss man hier festhalten, dass diese Mütter meist zuhause oder auf dem Feld in wechselnder Körperhaltung arbeiten, daher müssen diese Babys viel Rumpfaktivität und Gleichgewichtsreaktionen aufbringen und können dadurch nach einem Jahr alle Entwicklungsschritte durchführen – ohne sie je auf dem Boden geübt zu haben. Genau da liegt aber der Unterschied: Die japanischen Babys müssen keinerlei Gleichgewichtsreaktion oder Rumpfaktivität leisten.

Durch deine Reisen auf der ganzen Welt bekommst du sicher einen interessanten Einblick in die verschiedenen kulturellen Besonderheiten im Umgang mit Babys und Kleinkindern. Was sind die Gemeinsamkeiten? Und was die Unterschiede? Und vielleicht am Interessantesten: Was funktioniert?

Für mich ist ein wesentlicher Unterschied, dass bei uns die frühe Erziehung zur Selbstständigkeit viel mehr Bedeutung hat als z.B. in asiatischen Kulturen. In Japan wird dem Bedürfnis nach Nähe, am Körper getragen zu werden und im selben Bett mit den Eltern zu schlafen (meist bis zum 6. oder 7. Lebensjahr), viel mehr Wert beigemessen. Allerdings steht hier die Gruppe auch viel mehr im Vordergrund als das Individuum, was sowohl ein Vorteil als auch ein Nachteil sein kann. Auch dürfen Kinder, solange sie noch nicht in die Schule gehen, sich wie kleine Prinzessinnen oder Prinzen verhalten. Diese Freiheit findet mit der Einschulung ein abruptes Ende.

Wenn du zusammenfassen würdest, was für Kinder in den ersten Jahren wichtig ist, was wäre das?

In der UN Kinderrechtskonvention steht an oberster Stelle: Es ist das Recht eines jeden Kindes „umgeben von Liebe, Geborgenheit und Verständnis aufzuwachsen“. Das ist ein Recht, das alle Eltern erfüllen können, selbst dann, wenn es ihnen an Vielem zum Leben fehlt. Dieses wichtige Recht kostet kein Geld, für dieses Recht braucht man keine besondere Ausbildung oder irgendwelche anderen Voraussetzungen.

Das bedeutet Nähe, Ruhe und eine Portion Gelassenheit. Wenn Eltern ihrem Kind mit einem Lächeln und mit Zärtlichkeit begegnen, ihm zeigen, dass es erwünscht, geachtet und respektiert ist, dann ist die wichtigste Grundlage geschaffen. Und das Vertrauen, dass die Kinder alles mitbringen was sie brauchen, wir ihnen nur die Chance geben müssen, dass sie ihr Potential entfalten dürfen. Wie heißt ein Sprichwort: Gras, an dem man zieht, wächst auch nicht schneller.

Und ganz wichtig,
Eltern dürfen auch mal Fehler machen,
sie müssen nicht perfekt sein.

 In meinen Kursen erlebe ich, was die Eltern alles im Internet recherchieren und dann völlig verunsichert sind und alles perfekt machen wollen.

Welchen Stellenwert hat körperliche Berührung für Kinder und die Art und Weise wie sie aufwachsen? Warum ist sie so wichtig?

Berührung prägt unsere Entwicklung von Anfang an. Sie ist unsere erste Sprache und sie ist die erste Form des Gedächtnisses das wir entwickeln. Durch Berührung lernt das Kind seine eigene Körpergrenze zu spüren und zugleich ein Grundgefühl von Geborgenheit und eine Sicherheit im eigenen Körper. Inzwischen hat die Wissenschaft zeigen können, dass Babys und Kinder besonders gut auf adäquate Drucktechniken reagieren und dieser Druck – je nach Art des Druckes – unterschiedliche Auswirkungen haben kann. Solche verschiedenen Druckqualitäten werden im Baby-Shiatsu gezielt eingesetzt, um dadurch bestimmte erwünschte Reaktionen hervorzurufen.

Dieser klare bestimmte Druck ermöglicht es dem Baby oder Kind, ein erstes Körperbild zu entwickeln, eine Art Landkarte des Körpers.

Es erfährt seine eigene Grenze und fühlt sich dadurch im eigenen Körper zuhause. Aus dieser Sicherheit heraus kann es dann die noch fremde Welt erforschen. Mütter sind immer wieder erstaunt, wie sehr ihr Baby diese Art von Berührung liebt und auch eine bestimmte Druckstärke einfordert. Dadurch bauen wir gerade in der frühen Kindheit ein erstes Körperbild auf. Später, während der Wachstumsphasen, korrigieren und ergänzen wir dieses Körperbild und halten es das ganze Leben über durch tägliche Berührungserfahrungen auf dem aktuellen Stand.

Findet dagegen die Entwicklung des Sicherheits- und Geborgenheitsgefühls nur unvollständig statt oder wird sie gestört, so entstehen stattdessen ein Grundgefühl von Angst und eine Reihe anderer Schwierigkeiten, die daraus resultieren. Dadurch, dass wir durch Berührung unsere eigene Grenze erleben, können wir uns von der Welt und anderen Menschen unterscheiden. Hat ein Kind seine Körpergrenze intensiv erfahren dürfen, so dass es das Gefühl hat, von ihr vollständig umgeben zu sein und sind damit positive Erfahrungen verbunden, dann ruht es in seinem Körper und weiß wo es hingehört. Ein Kind, bei dem die Grenze nicht vollständig ausgebildet ist, fühlt sich unsicher und sich ständiger Gefahr ausgesetzt.

 Heutzutage gibt es ein überwältigendes Angebot an Infos, Büchern, Ratgebern, Websites, … für werdende Eltern. Ich sehe oft, dass es zwar jede Menge Infos und Meinungen dazu gibt, aber wenig Klarheit. Wenn dich junge Eltern fragen, worauf sie achten können, was würdest du ihnen raten, vor Allem wenn sie nicht aus der Shiatsu-Szene kommen?

Hier muss ich mich nochmals wiederholen: Nähe, Ruhe, eine Portion Gelassenheit und dazu noch eine Prise Humor sind die wichtigsten Zutaten – das ist, wozu ich Eltern immer wieder ermuntere. Dann fühlt sich das Kind geborgen und sicher, um seiner selbst willen geliebt und respektiert. Es soll in seinen Kompetenzen gefördert werden, Orientierung bekommen und eine eigene Meinung entwickeln dürfen – wenn diese wichtigen Voraussetzungen in den ersten Lebensjahren geboten werden, dann ist ein Kind für seine Lebensreise bereit. Das sind auch Ziele von Baby-Shiatsu.

Es unterstützt die Eltern darin, Vertrauen in die Entwicklung ihres Kindes bei allen großen und kleinen Schritten zu bekommen.

Baby-Shiatsu versucht unter dem immer stärker werdenden Druck, der bereits auf die ganz Kleinen ausgeübt wird, ein Stück Sicherheit und Gelassenheit im Umgang mit Babys zu schenken. Durch die ganze Förderwut, die durch den Pisaschock verursacht wurde, entstehen immer neue Verkaufsschlager, wie Kinder noch früher und besser gefördert werden können.

Wir wollen ein besseres Verständnis von der kindlichen Entwicklung und realistische Erwartungen in Bezug auf das kindliche Verhalten fördern. Gerade die östliche Philosophie bietet hier Ansätze, um das Vertrauen in das natürliche Bedürfnis von Kindern zu stärken, sie in ihrem eigenen Tempo aus sich heraus lernen und wachsen zu lassen.

Karin Kalbantner-Wernicke (GER)