In einer „Die Zeit-Doctor“-Beilage* befasst sich Dr. Christian Heinrich in seinem sehr guten Artikel „Bin ich anders krank als Du?“ mit dem Thema Gendermedizin. Er schreibt: „Frauen betrachten den Körper als Teil ihres Ich, Männer sehen ihn als Werkzeug?

Von Philipp Walz

Könnte das der Grund sein, warum nicht nur die überwiegende Anzahl der Shiatsu-Gebenden Frauen sind, sondern auch in unsere Shiatsu-Praxen überwiegend Frauen kommen? Weil sie bei Shiatsu die Betonung von Einheit zwischen Geist und Körper als wohltuend erleben? Shitsuto Masunaga, einer der Begründer von Shiatsu in Japan, spricht in seinem mit Wataru Ohashi verfassten  Standard- Werk davon, dass Shiatsu versucht den Klienten psychisch und körperlich zu verstehen. Also als Einheit. Offensichtlich nehmen Frauen das intuitiver wahr. Männer sehen den Körper tendenziell wie ihr Auto: ist etwas defekt, muss es repariert werden. Ohne dabei allzu sehr darauf zu achten, warum es zu dem „Defekt“ gekommen ist. Wenn ich Männern das Beispiel des Services („Ihr Körper braucht eben ebenso wie Ihr Auto ein Service“) erzähle, verstehen sie sofort, was ich meine und sind einverstanden. Männer versuchen eher via Kraft- oder Ausdauertraining Energie zu tanken. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, greift aber zu kurz. (Interessant ist zu beobachten, dass Frauen, die sehr viel Ausdauersport betreiben, oft eher männlich wirken).

Unser Körper ist immer auch Ausdruck unseres geistigen Lebens. Frauen verstehen eher, dass beides, Körper und Geist, letztlich Energie ist. Meiner Erfahrung nach sind sie auch aufmerksamer, wenn diese Energie unausgeglichen ist und reagieren schneller. Viele Männer reagieren erst, wenn die Blockaden bereits stärker sind und in Schmerzen zum Ausdruck kommen.

In der Shiatsu-Arbeit betonen wir auch die Bedeutung des Umfelds und des Lebensstils der Klientin, des Klienten. Ihr Körper ist immer auch Ausdruck von dem, was um sie herum vor sich geht. Wo sie herkommen, was sie erlebt haben und gerade erleben. Auch die Ernährung spielt dabei eine große Rolle. Frauen sind auch schneller bereit, einschneidende Änderungen in Lebensstil und Ernährung vorzunehmen. Männer haben es vom Rollenbild her noch immer schwerer, wenngleich sich das in den letzten Jahrzehnten zum Positiven ändert.

Beim Shiatsu-Geben behandeln wir Männer und Frauen unterschiedlich, da auch der Zugang zum Körper und die Bedürfnisse unterschiedlich sind. In der Chinesischen Medizin, auf der Shiatsu letztlich auch fußt,  kennt man das Prinzip von Yin und Yang, dem weiblichen und dem männlichen Prinzip schon sehr lange. Ich würde mir wünschen, dass mehr Männer Shiatsu für sich entdecken.

*Main 2017 (Nr.2/Nr.22)

 

Philipp Walz