Vier Tage voller Inspiration – das war der Shiatsu Congress 2017 in Wien! Hochkarätige Referenten haben ihre Behandlungsstile vorgestellt, in Workshops gezeigt, wie sie mit Klienten arbeiten und in Podiumsgesprächen klar gemacht, was Shiatsu für sie bedeutet. Nun ist der Congress Geschichte.  Was bleibt, ist der Wunsch, das entfachte Qi am Köcheln zu halten und für die Shiatsu-Community nutzbar zu machen. Diskussionsstoff gibt es zum Glück genug…

Von Gerhard Kropf 

Vieles von dem, was ich zwischen 28. September und 1. Oktober erfahren habe, werde ich in der einen oder anderen Form in meine eigene Praxis integrieren. Manches werde ich auch bewusst außen vor lassen – nicht, weil ich es für falsch halte, sondern einfach, weil es nicht zu mir und meinem Verständnis von Shiatsu passt. Einige wenige Aussagen haben jedoch echten Widerstand in mir provoziert. Darunter etwa die Behauptung, Shiatsu habe nichts mit Diagnose zu tun. Nun, das sehe ich anders. Ganz anders sogar.

Diagnose als Schlüssel zur zielführenden Behandlung

Dass die Diagnose, wie wir sie in Shiatsu betreiben, denkbar weit entfernt ist von jener, die in der westlichen Medizin praktiziert wird: Ja, darauf können wir uns sofort einigen. Es lässt sich auch trefflich darüber diskutieren, wo Diagnose beginnt: Bereits beim Telefongespräch zur Terminvereinbarung? Oder doch erst beim ersten persönlichen Treffen? Mit der Berührung von Hara und Meridianen? Hier bin ich durchaus offen für unterschiedliche Ansätze. Womit ich jedoch definitiv nicht einverstanden bin, ist die Vorstellung, Shiatsu und Diagnose würden einander widersprechen. Das Gegenteil ist richtig! Erst eine eingehende Diagnose weist uns den Weg für die passende Therapie.

An diesem Punkt oute ich mich gerne als Anhänger von Masunaga und Ohashi, die in ihrem „Großen Buch der Heilung durch Shiatsu“ schreiben: „Auf der professionellen Ebene wird vom Shiatsu-Anwender genauestes Diagnostizieren verlangt, damit herausgefunden werden kann, was die geeignetste Behandlung für den jeweiligen Patienten ist. Ohne diese Fähigkeit des exakten Diagnostizierens, die viel Übung verlangt, bleibt Shiatsu im Rahmen des einfachen, aber wirksamen Hausmittels. Bei Shiatsu ist Behandlung Diagnose und Diagnose gleichzeitig Behandlung.“ Schöner und präziser lässt sich die Bedeutung von Diagnose kaum darstellen.

Behandlungen ohne Diagnose bleiben an der Oberfläche

Doch auch wer nicht nach Masunaga und Ohashi praktiziert, braucht Diagnose, wenn er vom Vordringlichen zum wirklich Wesentlichen gelangen will: Das altgriechische Wort Diágnosis setzt sich zusammen aus „diá“ („durch“) und „gnósis“ („Erkenntnis“) und bedeutet so viel wie „Unterscheidung, Entscheidung“. In diesem Sinn sind wir bei der Diagnose also gefordert, durch eine Vielzahl von Symptomen hindurch zu sehen, anstatt uns von ihrer Fülle verwirren zu lassen. Wir müssen bis zum Kern vordringen und erkennen, was die bestehende Disharmonie im Körper mit all ihren unangenehmen Begleiterscheinungen tatsächlich hervorruft. Haben wir die Ursachen festgemacht, können wir im nächsten Schritt entscheiden, was für eine nachhaltige Verbesserung des Zustands zu tun ist. Und genau das ist es doch, was wir mit Shiatsu erreichen wollen: Weg von der Symptombehandlung! Hin zu einer Therapie, die den Menschen wieder in Harmonie mit sich selbst und seinen innersten Wünschen bringt!

Der Körper als Geschichtenerzähler: intensives Zuhören dringend empfohlen!

Einen Menschen in seiner Ganzheit zu sehen, bedeutet für mich, ihm auf allen Ebenen Aufmerksamkeit zu schenken – also Körper, Geist und Seele in die Betrachtung zu integrieren. Doch gerade bei der Diagnose-Findung sind die körperlichen Aspekte für mich zentral – auch wenn dem Geist nach allgemeiner Auffassung eine führende Rolle im System zukommt. Wer einmal erlebt hat, welch gravierende Auswirkungen falsche Ernährung auf Körper und Geist hat, wird mir Recht geben: Ist der Körper völlig verschleimt, macht es einfach Sinn, bei der Ernährung anzusetzen. Die Klärung des Geistes folgt dann häufig ganz automatisch.
Der Körper offenbart uns unendlich viel über unseren Klienten. Vorausgesetzt, wir sind wirklich mit voller Aufmerksamkeit dabei! Gerade bei der Diagnose sind all unsere Erfahrung und unser ganzes Wissen gefragt. Nur wer die Signale richtig zu deuten vermag, kann den einzelnen bestmöglich dabei unterstützen, sein Leben wieder aus der Fülle und in Freude zu führen.

 

Gerhard Kropf