Shiatsu für Flüchtlinge: Ein kurzer Statusbericht zu einem neuen Projekt in Wien

Von Philipp Walz

“The best way to not feel hopeless is to get up and do something. Don’t wait for good things to happen to you. If you go out and make some good things happen, you will fill the world with hope, you will fill yourself with hope.”
Barack Obama, 44. President of the USA

Viele haben sich während der Flüchtlingskrise und auch danach die Frage gestellt: Wie kann ich helfen? Wie kann ich meine Fähigkeiten einbringen? Tomas Nelissen, der Gründer der International Academy for Hara Shiatsu, meinte einmal, es wäre dringend notwendig, Flüchtlingen Shiatsu zu geben.

Angesichts der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Situation sahen wir, Sabrina Giel und Philipp Walz, das im Herbst 2017 genauso. Sabrina, die als Rechtsberaterin beim Diakonie Flüchtlingsdienst in Traiskirchen  arbeitet und Studentin an der International Academy for Hara Shiatsu ist, stellte den Kontakt zu Karin Cicatka, Flüchtlingsberaterin beim Diakonie Flüchtlingsdienst, her. Frau Cicatka reagierte auf unsere Idee, Flüchtlingen im Haus  Rossauerlände Shiatsu zu geben, sofort positiv. Da wir uns nicht sicher waren, ob Behandlungen auf der Matte angenommen würden, schien uns die Sessel-Variante für den Anfang besonders gut geeignet. Wir entschlossen uns, einmal in der Woche für drei Stunden Sessel-Shiatsu in 25 Minuten-Einheiten anzubieten – außerdem profitieren auf diese Weise mehr Menschen als bei einstündigen Behandlungen auf der Matte.

Ein Massage-Sessel hatten wir, einen weiteren stellte dankenswerterweise unsere Kollegin Sabine Dorn zur Verfügung. Wir waren gespannt auf die Reaktionen: Wie würden Menschen, die teilweise aus ganz anderen Kulturkreisen kommen, auf unser Angebot ansprechen?  Am 4. Dezember 2017 waren wir erstmals im Haus Rossauerlände, Glasergasse 27 in Wien. Wir bekamen einen hellen Raum zugewiesen, der sonst als Kinderspielzimmer genutzt wird, stellten die Massage-Stühle auf und begannen sofort mit den ersten Behandlungen. Die Neugier der Bewohnerinnen und Bewohner war sehr groß und der erste Tag damit durchaus turbulent: Ununterbrochen ging die Tür auf und jemand streckte den Kopf herein. Wohl um zu sehen, was da vor sich ging. Wir beantworteten viele Fragen: Was passiert da? Wozu ist das gut? Wann kommen wir dran? An diesem Tag behandelten wir insgesamt 12 Menschen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturen.

Am nächsten Tag schrieb uns Karin Cicatka, wie gut unser Angebot aufgenommen worden sei:  Schon jetzt hätte sie deutlich mehr Anmeldungen als Behandlungsplätze. Spontan boten wir an,  in der folgenden Woche zu dritt zu arbeiten. Die Dritte im Bunde war rasch gefunden: Angelika Meissner, eine erfahrene Praktikerin und ebenfalls Absolventin der Hara Shiatsu Academy, sagte sofort begeistert zu.

Inzwischen haben wir beinahe 250 Behandlungen durchgeführt. Dies war nur möglich, da wir von weiteren Kolleginnen Unterstützung bekommen haben: Sabine Dorn, Jenny Pfatschbacher, Martina Wieser-Walz, Romana Lughofer und Marion Gaa haben jeweils mindesten einmal ausgeholfen. Zu uns kommen Menschen aus dem Irak, aus Iran, Afghanistan, Georgien, aus der Ukraine und aus der Türkei. Überraschenderweise interessieren sich fast genauso viele Männer wie Frauen für Shiatsu, wobei Frauen tendenziell eher von Frauen behandelt werden möchten. Schon bei der ersten Berührung ist bei vielen spürbar, dass sie traumatische Erlebnisse hinter sich haben. Gerade wegen der bestehenden Sprachbarrieren bewährt sich hier das  Motto der International Academy for Hara Shiatsu: Let the hands do the talking. Vielleicht ist das der Grund, warum Shiatsu so besonders guten Respons hat, wie uns Karin Cicatka berichtet: Wir erreichen die Menschen mit unseren Händen. Außerdem spricht Sabrina Giel fließend Farsi und kann sich mit einigen der Flüchtlinge in ihrer Muttersprache unterhalten. Viele können auch bereits ein wenig Deutsch. So erhalten wir zusätzliche Informationen zu aktuellen Beschwerden und Behandlungswünschen.

Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen sorgt Karin Cicatka  für den reibungslosen Ablauf. Sie kennt die Bewohnerinnen und Bewohner,  weiß, wer unsere Behandlung besonders dringend braucht und setzt die Behandlungsliste entsprechend fest. Ein Behandlungszyklus umfasst derzeit jeweils zehn Wochen. Dieser Zeitraum scheint uns notwendig, um spürbare und nachhaltige Verbesserungen zu erreichen. Im kommenden Jahr wird sich eine Diplomarbeit an der Internationalen Academy for Hara-Shiatsu dem Thema „Shiatsu für Flüchtlinge“ widmen. Diese Arbeit soll die Ergebnisse unseres Projektes dokumentieren.

Mittlerweile hat die Diakonie eine Matte angeschafft. Damit sind nun auch klassische Behandlungen am Boden möglich. Es ist uns bewusst: wir stehen ganz am Anfang. Noch sind wir auf der Suche nach einem Modell, das uns ermöglicht, einerseits sehr individuell zu behandeln und andererseits möglichst viele Menschen zu erreichen. Für Anregungen, Erfahrungswerte und Tipps sind wir offen. Außerdem freuen wir uns immer über neue Kolleginnen und Kollegen, die dieses Projekt unterstützen möchten. Ein kurzes E-Mail an philipp@heartbodymind.netreicht.

Unser Ziel ist: Was mit spontanem Qi initiiert wurde, soll zu einer dauerhaften Einrichtung werden.

Das Team

Sabrina Giel (Mitte)
Juristin, Rechtsberaterin für Flüchtlinge. Derzeit Ausbildung zur Hara Shiatsu Praktikerin an der Int. Academy for Hara Shiatsu: „Hände bewerten nicht, sie begreifen”
gielsabrina@gmail.com

Angelika Meissner (links)
seit 2013 selbständige und überzeugte Hara-Shiatsu-Praktikerin, seit Anfang 2017 Partnerin von ChairCare (Sessel-Shiatsu in Unternehmen): „DÜRFEN, nicht müssen. SPÜREN, nicht denken.“
www.angelikameissner.at
angelika.meissner@gmx.at

Philipp Bernhard Walz (rechts)
seit 2016 Dipl. Hara Shiatsu Praktiker, Mitglied des Teams der Int. Academy for Hara Shiatsu. Seit 2017 Partner von ChairCare (Sessel-Shiatsu in Unternehmen): „HeartBodyMind: Kommunikation durch Berührung“
www.heartbodymind.net
philipp@heartbodymind.net

 

 

 

Philipp Walz