Dr. Florian Ploberger: Wenn man es auf einen Punkt zusammenfassen möchte, dann wäre eine Definition für Mitgefühl: Lieben ohne zu bewerten.

Auf die Frage was es benötigt, um ein guter Arzt zu werden, hat im Jahre 1997 der damalige Leibarzt des Dalai Lama, Lobsang Wangyal, geantwortet: „mit freudvoller Anstrengung zu studieren, seine Lehrer gut zu überprüfen, sich für die Patienten Zeit zu nehmen und alle Menschen gleich zu behandeln“. Weiters rät der ehemalige Leibarzt Seiner Heiligkeit, Alkohol, Zigaretten und wechselnde sexuelle Beziehungen zu meiden, sowie, sich in Liebe und Mitgefühl zu üben. Durch diese Praxis würde laut seiner Erklärung den Patienten gut geholfen werden, aber auch der Arzt selbst könne davon profitieren.

Stellt sich die Frage, was die Tibeter unter Mitgefühl ansehen, oder noch weiter ausholend, wie kann man Mitgefühl entwickeln, dann wäre die Antwort, dass man Erstens über das Prinzip von Ursache und Wirkung nachdenkt und sich Zweitens vergegenwärtigt, das alle Menschen gleich sind: wir werden alle krank, wir werden alle älter, wir sterben alle. Aus diesem Bewusstsein heraus kann man Mitgefühl entwickeln.

Mitgefühl bedeutet für die Tibeter, Bodhichitta zu entwickeln; den Wunsch, allen Lebewesen zu helfen.

Mitleid, im Unterschied zum Mitgefühl, hilft uns nicht in unserer geistig -spirituellen Entwicklung, da es im Endeffekt nicht zur Befreiung führt. Somit könnte man etwas pointiert behaupten, dass Mitleid wirklich niemand verdient hat, da Mitleid im Unterschied zu Mitgefühl die Entwicklung blockiert. Es ist natürlich ein hoher Anspruch, Mitgefühl zu haben, weil man es nur dann entwickeln kann, wenn man sich selbst in seinem tiefsten Wesen erkannt hat und aus dieser Erkenntnis heraus anderen Menschen und Lebewesen helfen kann.

Wenn man es auf einen Punkt zusammenfassen möchte, dann wäre eine Definition für Mitgefühl: Lieben ohne zu bewerten.

 

Dr. Florian Ploberger